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Sie sagen ja. Sie sagen nein. Sie sagen ja. Sie sagen nein…

Es ist wie damals, als man dieses arme Gänseblümchen zerpflückt hat. Dieses hoffnungsvolle Warten, die Aufregung, das Herzklopfen – und die bittere Enttäuschung am Ende. 

Man hat sich also aufgerafft, Bewerbungen geschrieben, sie abgeschickt. Jetzt heisst es warten. Warten ist ja so die Pest des 21. Jahrhunderts. Wir sind es gewohnt, dass alles schnell, sofort und nahezu instant funktioniert. 

Bei Bewerbungen wäre das manchmal echt schön. Ich habe eine Woche auf die Antwort eines Volos gewartet und zwei wochen auf die Antwort eines Reisebüros. Der Rest hat sich nicht dazu bequemt, mir auch nur eine Eingangsbestätigung zu schicken! Nicht Mal eine 08/15-Standardantwort oder einen ASCII- Mittelfinger. 

Naja, und dann… Wisst ihr was nach den Interessenbekundigungen kommt? 

Das Bewerbungsgespräch. Bei meiner Telefonphobie bin ich ja echt froh, dass das alles schön persönlich abläuft. Zumindest beim Volo war das der Fall. Das Reisebüro hat mir erst Mal eine Hausaufgabe gestellt. 

Ich mein, Okay, ist ja nicht so, dass ich schon zig Probetexte schreiben musste!!! Über Themen, die halt… So spannend sind wie die Größenwahnfantasie des Thekenkönigs. 

Aber was macht man nicht alles, um einen Job zu bekommen? Richtig. Recht wenig :p   

Rio de Janeiro, 1967

Eine kleine Gestalt wanderte durch die Schatten, versteckt und vor allen Blicken geschützt. Sie folgte einer Person, einer bestimmten Person. In ihren Händen hielt sie ein Buch umklammert, dick und alt. Der Ledereinband sah schon reichlich abgenutzt aus. Keiner der beiden hatte einen Blick für die Umgebung übrig. Das Viertel Vila Isabel sprühte vor Leben, vor Lust, vor Freude. Es war die Zeit des Jazz Bossa Nova und die Menschen feierten – überall. Auf den Straßen, in den Häusern, auf den Dächern der Stadt. Rio de Janeiro glich einer großen, niemals enden wollenden Party. Die kleine Gestalt in den Schatten verzog das Gesicht. Bis vor einigen wenigen Augenblicken hatte sie auf der Christusstatue auf dem Corcovado gesessen, dem Treiben der Stadt zugesehen und war völlig fasziniert davon gewesen, wie einzigartig und doch gleich alle Menschen waren. Und nun – nun folgte er wieder einmal einem der beiden Gegenspieler, an die er gebunden war. Gebunden, bis beide starben. Doch den Erzählungen der anderen nach dauerte das meist lang, Jahrhunderte lang. Dämonen und Engel starben eben nicht einfach so, sie waren zäh.
Die große Gestalt vor ihm bewegte sich schneller. Er hatte mühe ihr durch die Schatten zu folgen und musste auf die Fähigkeit seines Volkes zurückgreifen, um den Anschluss nicht zu verlieren. Er musste durch die Schatten springen. Am liebsten hätte er laut geflucht, aber selbst das war ihm verboten. Er durfte nur folgen, zuschauen und aufschreiben. Er durfte nicht eingreifen, er durfte nicht Partei ergreifen und er durfte die Menschen nicht schützen. Die Gestalt, der er folgte, eilte an den Favelas vorbei, ließ die Luxuswohnungen hinter sich und eilte direkt an den Strand Ipanemas. Das militärische Fort und die Dois Irmãos ignorierten beide. Die große Gestalt hielt direkt auf einen großen Schatten zu, der am Strand stand und aufs Meer hinaus sah. Er suchte sich schnell einen Platz, von dem aus er alles sehen und genau aufschreiben konnte. Er wusste, was nun kam. Ein kleines Wortgeplänkel und ein recht blutiger Kampf. Es war immer dasselbe.
»Delo, du hast es also doch hergeschafft! Ich bin beeindruckt! Dieses Mal hast du dir ja gar nicht so viel Zeit gelassen wie sonst. Du kommst sogar noch rechtzeitig, um zu sehen, wie all das Leben aus dieser jämmerlichen Kreatur fließt.« Der große Schatten, der aufs Meer geblickt hatte, drehte sich um, während er sprach. Augen glühten rot und bedrohlich in seinem Gesicht, das man nicht deutlich erkennen konnte. Doch er wusste, wer es war. Dandalos, der Dämon an den er gebunden war, Gegenspieler des Engels Delo. Ewig im Kampf um Seelen für ihre beiden Herren und er auf ewig dazu verdammt ihnen zu folgen, bis sie sich schlussendlich beide gegenseitig umbrachten.
»Delo, sieh sie dir an! Erinnert dich das Mädchen nicht an Julia, Cäsars unglückliche Tochter, die du ebenfalls nicht retten konntest? Diese reine Haut – wie feinstes Porzellan und so weich wie Seide. Zu schade, dass sie dieser Welt nicht erhalten bleibt und ihre Seele mir gehört!«
»Dandalos, noch hast du nicht gewonnen! Ich kann sie immer noch retten und das weißt du!« Delo, der mit großen Schritten ins Wasser geeilt war, schien gewillt zu sein, das Leben des jungen Mädchens zu retten. Er breitete seine Flügel aus, spannte sie schützend vor den Körper des Mädchens, während er sie aus dem Wasser hob. Von seinem Platz aus konnte er sehen, wie Blut und Meerwasser von ihrer Haut perlten und langsam mit den Wellen verschmolz. Delo hatte recht gehabt. Ihre Haut war makellos und rein wie Porzellan, doch sie schien mehr tot denn lebendig zu sein. Adern schimmerten bläulich unter ihrer Haut, dunkle Schatten lagen unter ihren Augen, ihre Lippen waren bleich und farblos. Sie hatte wirklich nicht mehr lange auf dieser Erde. Delo musste sich beeilen, wenn er sie retten wollte, doch er war dazu verdammt, nichts zu sagen und nicht einzugreifen. Delo musste von selbst auf die richtige Lösung kommen, obwohl er sie durch all die Jahre und all das Gesehene schon kannte. Wie aufs Stichwort schien Delo zu glühen. Ein warmes, goldenes Schimmern ging von seinen Flügeln aus, während er sacht das Mädchen an den Strand trug und dabei heilte. Auf diesen Moment schien Dandalos nur gewartet zu haben. Delo, Kriegerengel des Michaels, war kein Heiler und der Heilungsprozess forderte seine ganze Aufmerksamkeit und Kraft. In diesen Momenten war er angreifbarer denn je und sie alle drei wussten es. Die kleine Gestalt im Schatten schüttelte den Kopf. Jedes Mal denselben Fehler. Jedes Mal. Es war zum verrückt werden.
Dandalos‘ Augen glühten stärker, Schatten waberten um ihn herum, griffen nach Delos goldenen Flügeln, dem goldenen Schimmern, das von ihm ausging. Sie schlichen sich über ihn, wanderten mit seinen Heilkräften zu dem jungen Mädchen in seinen Armen.
Er schüttelte den Kopf. Delo lernte es nie. Dandalos nutze den Heilungsprozess immer, um mit seinen Schatten die Opfer zu vergiften – und meist waren sie stärker als das Licht, das von Delo ausging. Er brauchte eigentlich nicht weiter zusehen, es war sowieso schon klar, was passieren würde. Die junge Frau würde sterben, es kam zum Kampf, keiner der beiden würde sterben und einer von ihnen – aller Wahrscheinlichkeit nach Dandalos – würde verschwinden und sich ein neues Opfer suchen. Ein Gähnen unterdrückend ließ er dennoch den Stift über das Papier gleiten. Aufgabe war nun mal Aufgabe.
Dandalos‘ Schatten schienen es dieses Mal schwerer zu haben als sonst. Hatte er sich etwa das falsche Opfer ausgesucht? Die kleine Gestalt hob eine Augenbraue und runzelte die Stirn. Konnte es sein, dass der Dämon sich ein getauftes Opfer erwählt hatte? Ein gläubiges Opfer? Mit Absicht? Um das Ganze spannender zu gestalten? Das wäre ja mal etwas Neues. Er beobachtete, wie die Schatten durch die Adern über den Körper des Mädchens wanderten. Sie verlor noch mehr an Farbe, wurde fahler und bleicher. Glich immer mehr dem Tod persönlich denn einer Lebenden. Delo schien davon nichts mitzubekommen, er war viel zu konzentriert auf den Heilungsprozess. In wenigen Augenblicken würden die Schatten das Herz und somit ihr Ziel erreicht haben. Delos Anstrengung würde völlig umsonst gewesen sein. Dann würde ihm nichts anderes übrig bleiben, als um die Seele zu kämpfen, wenn er schon das Gefecht um ihr Leben verloren hatte.
»Kleiner, naiver Engel. So jung, so hoffnungsvoll. Hast du nach all den Jahren immer noch nicht begriffen, wie meine Kraft wirkt?« Dandalos kicherte. Seine Schatten hatten das Herz des Mädchens ergriffen, das Leben aus ihr herausgepresst. Tot lag sie in den Armen Delos, ohne begriffen zu haben, was mit ihr geschah. Dandalos war ein Meister, wenn es darum ging, leise und völlig überraschend zu töten. Die meisten seiner Opfer fühlten nichts – ihm ging es um die Qualen ihrer verzweifelten himmlischen Retter, wenn sie merkten, dass alles umsonst gewesen war. Sein Stift flog förmlich über das Papier, er musste sich anstrengen, um mitzukommen, um den Anschluss nicht zu verlieren. Delo keuchte. Er fiel auf die Knie, das Mädchen immer noch im Arm. Eine einzelne, goldene Träne rann über seine Wange, als er begriff, dass er verloren hatte. Schatten huschten an ihm vorbei, etwas Weißes, Leuchtendes in ihrer Mitte. Ihre Seele. Das goldene Schimmern wandelte sich zu einem Leuchten, als er den Leichnam sacht in den Sand legte und sich erhob. Zwei lange Einhandschwerter mit glühenden Runen erschienen in seinen Händen. Seine goldenen Augen leuchteten unheilvoll. Sein weißer Anzug war verschwunden und stattdessen kleidete ihn eine goldene Rüstung. Delo würde kämpfen. Er würde um die Seele des Mädchens kämpfen. Dandalos, nach wie vor in der Dunkelheit verborgen, so dass nur seine rotglühenden Augen zu sehen waren, schnippte nachlässig und die Seele des Mädchens wandelte sich in einen leuchtenden Kristall. Er warf ihn ihm zu. Direkt auf die frisch geschriebenen Worte. Die kleine Gestalt seufzte, hob das Buch an, so dass der Seelenkristall in den Sand fiel. Er durfte ihn nicht hüten. Er durfte ihn nicht anfassen. Er durfte nichts tun außer Schreiben, Beobachten, Folgen.
»Ah, unser kleiner Freund will wieder einmal nicht mitspielen. Wie bedauerlich!«, schnurrte Dandalos. Die Schatten um ihn herum verdichteten sich. Schienen mit ihm zu verschmelzen. Delo hob seine beiden Schwerter und stürmte auf den Dämon zu. Der erste Hieb verschwand in tiefster Dunkelheit. Schatten griffen nach den Flügeln des Engels, zogen, zerrten. Delo ignorierte sie. Er hieb verbissen nach Dandalos, der in der Dunkelheit, die unheilvoll über den Sand wabberte, nicht mehr zu erkennen war. Die Schatten griffen wie Krallen nach dem Engel, drängten sich gegen das goldene Leuchten, zuckten immer wieder zurück, sobald sie es berührten. Dennoch schienen sie nicht aufgeben zu wollen. Sie wollten den Engel verletzen, wollten ihn zu Boden ringen. Delo verstärkte seine leuchtende Aura. Der Sand zu seinen Füßen glühte und schmolz zu Glas. Bei jedem Schritt, bei jedem Hieb wirbelten Sandkörner und kleine Glassplitter auf, die glitzernd durch die Luft stoben. Die kleine Gestalt seufzte. Zu oft hatte er das schon gesehen.
Blut spritzte auf seine Seiten. Verärgert tupfte er die Spritzer mit dem Finger trocken, um das Schlimmste zu verhindern. Das nächste Mal würde er sich wieder einen Platz außerhalb ihrer Reichweite suchen müssen und hoffen, dass er trotz der speziellen Umstände nichts verpasste. Den anderen seines Volkes war es gleichgültig, wie ihre Texte aussahen, ihm hingegen ging es um Perfektion. Das Einzige, das er selbst beeinflussen konnte. Plötzlich stutzte er. Blut? Er hob den Kopf. Delo hatte Dandalos getroffen. Der Sand war blutgetränkt, eines der Schwerter glitzerte rötlich. Die Schatten, die nach Delo griffen, schienen nun aggressiver vorzugehen. Mit einer Art rasender Wut schnitten sie die goldenen Flügel auf, wetzen ihre nicht greifbaren und dennoch materialisierten Krallen an der glänzenden Rüstung des Engels. Zogen an seinen Haaren, fuhren mit tiefen Kratzern über seine Haut. Delo schien sich nicht darum zu kümmern. Angetrieben von dem Triumph, den Dämon erwischt zu haben, hieb er kraftvoll und unbeirrt auf die wabbernde Dunkelheit ein, in deren Mitte immer wieder unheilvoll leuchtende rote Augen erschienen. Blut spritze immer wieder aus den wabbernden Schatten, in die sich Dandalos gehüllt hatte, auf den Sand, während kleine Rinnsäle des Lebenssaftes über Delos Haut wanderten. Am Horizont ging langsam die Sonne auf, tauschte das Schauspiel in ein makaberes Licht und verhalf Delo unabsichtlich zu einem entscheidenden Vorteil. Dem Schutz der Dunkelheit beraubt, war Dandalos angreifbarer, seine Schattengestalt deutlicher auszumachen. Auf dem Gesicht des Engels erschien ein breites, triumphales Grinsen. Er setzte zu einem entschiedenen Hieb an, um dem Dämon den Kopf abzuschlagen, als dieser mit einem tiefen Knurren und den Worten »Es ist noch nicht vorbei!« mit dem Wind verschwand. Delos Hieb ging ins Leere.
»Immerhin gehört mir ihre Seele.« Mit Bedauern ließ Delo seine Schwerter verschwinden und atmete tief durch. Er faltete seine Flügel auf seinem Rücken, leuchtete ein letztes Mal strahlend hell, bevor er wieder in seinem tadellos sitzenden schwarzen Anzug gekleidet war. Mit wenigen Schritten war er am Leichnam des Mädchens angekommen, berührte sie sacht. »Deine Seele ist in Sicherheit. Nichts wird dir mehr schaden können.« Schon bald würden sie den toten Körper finden, ohne Wunden, ohne Kampfspuren. Sie würden einen Herzstillstand vermuten und wie immer ahnungslos bleiben. Wie schon all die Jahrhunderte zuvor würden die Menschen nicht ahnen, welch perfides Spiel um ihre unsterblichen Seelen getrieben wurde. Sein Blick begegnete dem des Engels, als dieser zu ihm trat und den Seelenkristall aufhob.
»Wir sehen uns sicher bald wieder, kleiner Schreiberling«, murmelte Delo und neigte den Kopf zum Abschied, bevor er in einer Art Stichflamme verschwand. Die kleine Gestalt verzog das Gesicht. Schreiberling – wie er diese Bezeichnung hasste. Er war ein Chronist! Er war ein Chronist aus dem einzigen Volk, das fähig war, Dämonen und Engeln zu widerstehen und sich nicht von ihrer Macht blenden zu lassen. Chronist und kein Schreiberling! Mit einem Grunzen schlug er das Buch zu und schloss die Augen. Er spürte, wie ihn etwas rief. Ein erneutes Ereignis. Sie gönnten ihm und sich selbst nicht einen einzigen Augenblick Ruhe. Seufzend zog er sich weiter in die Schatten zurück und sprang mit ihrer Hilfe zu dem Ort der nächsten Begegnung.

Isabelle

»Du hast gesagt, in Stuttgart hat es angefangen?«, fragte Isabelle. Sonja nickte. Alex war ihr über den Rückspiegel hinweg einen seltsamen Blick zu. Isabelle biss sich auf die Unterlippe. Ihr Mann wollte heute nach Vaihingen. Vielleicht hatte Nadja ihn aber doch dazu überreden können, mit ihr im botanischen Garten zu picknicken. Zumindest hoffe Isabelle, nach allem, was im Pub geschehen war, dass ihre kleine Tochter erfolgreich gewesen war. Falls nicht, würde ihr keine andere Wahl bleiben, als … »Dann sollten wir nach Stuttgart gehen. Irgendwie. Und die Wahrheit ans Licht bringen.« Und mir die Möglichkeit geben, nach meiner Familie zu schauen.

»Du meinst, wir brechen in das Labor ein und besorgen die Forschungsunterlagen?« Sonja klang skeptisch und Isabelle konnte mühelos heraushören, dass ihr dieser Gedanke nicht gefiel. »Eigentlich keine schlechte Idee. Aber wie sollen wir da reinkommen? Wie sollen wir das Labor überhaupt finden?«

Isabelle unterdrückte ein genervtes Stöhnen. Es war nur natürlich, dass Sonja ihren Vorschlag hinterfragte, sie selbst würde ja nicht anders handeln, aber sie hatte jetzt bei Weitem andere Sorgen, als gegen Sonjas Skepsis anzukämpfen. Doch sie würde anders nicht weiterkommen. Fieberhaft überlegte sie sich eine Antwort, als sie unerwartete Hilfe bekam.

»Das sollte kein Problem sein«, bemerkte Jennie zu Isas Erstaunen. »Wenn du den Namen hast, dann wird man das sicher finden. Das Internet vergisst nichts, und wenn der da irgendwie auf diese Pflanze stolz ist, wird man da sicher was finden.«

»Ich bin mir sicher, dass das nicht so einfach ist«, meinte Isa und hätte sich am liebsten selbst geohrfeigt, kaum hatte sie den Mund geschlossen. Klasse gemacht, Isabelle. Willst du nun zu deinem Mann oder nicht?

»Sei kein Spielverderber, Isa. Sonja, wie hieß der Kerl?« Isa gelang es nicht, ihre Überraschung zu verbergen, als sie sah, wie Jennie ihr Smartphone in der Hand hielt. Keine Spur von Schock oder Entsetzen in ihrem Gesicht, nein, die Freundin und Kollegin wirkte nahezu rational, emotionslos. Nicht einmal Linda würde so ruhig bleiben, da war sich Isa sicher. Ob sie wollte oder nicht, sie war beeindruckt.

»Baumann.« Kurz und knapp – typisch Sonja. Während Jennie tippte, konnte Isabelle nicht widerstehen. Sie spähte über deren Schulter und zählte innerlich bis zehn, während das Internet lud und lud.

»Na also. Also, er befindet sich im Laboratorium für Lebensmittelforschung und Nahrungstechnologie. Das sollte wohl nicht schwer zu finden sein. Das Gebäude ist direkt am Schloss. Vor ein paar Jahren frisch erbaut.«

Isa nickte, langsam. Sie wusste nicht, wie sie jetzt reagieren sollte, ohne ihre wahren Absichten zu verraten.

»Selbst wenn er die Unterlagen zu der Bacon-Pflanze nicht da hat, werden wir dort Hinweise darauf finden, wo sich das eigentliche Labor befindet.« Jennie klang erstaunlich zuversichtlich, fand Isa. Angesichts der Lage vielleicht etwas zu zuversichtlich, aber jeder wie er mochte. Als Alex abbog, wusste Isa, sie musste handeln. Musste sich überzeugen, ob Mann und Kind zu Hause waren.

Alex, du musst hier andersrum abbiegen. Ich muss nach Hause!« Sie beugte sich vor, ihr Gesicht auf Höhe seines Kopfes. »Ich wohn da vorne. Wir müssen meinen Mann und meine Tochter mitnehmen.« Oder nachschauen, ob sie Zuhause sind. Wenn ja, dann muss ich nicht mit nach Stuttgart. Wenn nein, naja, dann hab ich wohl keine andere Wahl.

»Dafür haben wir keine Zeit. Schreib ihnen. Schreib ihnen und sag ihnen, dass sie aus der Stadt fliehen sollen.«

»Aber zu mir können wir doch, oder? Ich will wenigstens noch ein, zwei Sachen mitnehmen. Glücksbringer, wenn du so magst.« Jennie drängte sich neben Isa, stieß sie etwas zur Seite. Isa unterdrückte ein Fauchen. Das hatte ihr gerade noch gefehlt.

»Leute, so sehr ich euch auch verstehe, aber dafür bleibt keine Zeit. Das geht nicht. Wenn die Lage so bleibt, können wir ja wieder zurückkehren und alles holen. Aber Jennies Plan ist gut. Wir müssen nach Stuttgart. Wir müssen die Öffentlichkeit über alles informieren. Und ich weiß auch schon, wer uns dabei helfen wird.«

Isa wusste, dass Sonja recht hatte. Ihr war auch klar, dass Sonja auf ihre Hilfe baute. Stuttgart war abgeriegelt – nach den Ereignissen im Pub fiel ihr das nicht mehr so schwer zu glauben. Sie verstand auch dieses Hin- und Herfahren, auch wenn sie es für absolut schwachsinnig hielt. Da hätte es sicher auch einfachere Wege gegeben, die von Sonja gebunkerten Sachen mitzunehmen. Nur Esther – das war für Isa der einzig wirklich nachvollziehbare Grund für das ganze Chaos. Es war viel zeitaufwendiger, erst zu Sonja, dann zum Pub zu fahren, doch sie hielt den Mund. Jetzt war nicht der richtige Zeitpunkt, um zu streiten oder zu diskutieren. Jetzt musste sie schnell schalten. Jetzt musste sie sich ganz schnell etwas einfallen lassen. Isa ließ sich in ihren Sitz zurücksinken. Alex würde nicht zu ihr fahren, das war sicher, doch sie konnte auch nicht bei ihnen bleiben. Ja, natürlich war sie auch der Meinung, die Wahrheit müsse an die Öffentlichkeit geraten, aber sie wollte erst einmal ihre Familie in Sicherheit wissen. Danach war sie bereit, jeder Zeitung, jedem Reporter Rede und Antwort zu stehen.

Die Ampel wechselte von Grün auf Rot, Alex bremste und hielt pflichtbewusst an. Isa schloss für einen kurzen Augenblick die Augen, schluckte – und sprang aus dem Auto. Es war vielleicht dumm. Es war vielleicht unverantwortlich. Aber es war die einzige Möglichkeit, die Isa sah, um zu ihrer Familie zu gelangen. Als die Tür hinter ihr ins Schloss fiel, ignorierte sie das schlechte Gewissen, das ungute Gefühl, das sich in ihr ausbreitete und rannte. Sie wich den hupenden Autos aus, rannte über die vierspurige Straße. Jennie schien ihrem Beispiel zu folgen, wie ein weiteres Knallen einer Tür zeigte. Sie taten also alle genau das, was man in solchen Situationen nicht tun sollte: Sich trennen und einzeln durchschlagen. Aber Isabelle konnte nicht anders. Ihre Familie war ihr nun einmal wichtiger.

Sie schlüpfte durch die Studentengruppen hindurch, wich flink einzelnen Menschen aus. So friedlich, so ruhig – keiner von ihnen ahnte von der Gefahr, die ihnen drohte. Missbilligende Blicke, verärgerte Ausrufe – Isabelle scherte sich nicht darum, was man von ihr hielt. Sie rannte einfach weiter. Musste weiterrennen. Stehen bleiben würde zu viel Zeit kosten. Wertvolle Zeit, die ihre beiden Liebsten vielleicht nicht mehr hätten.

»Ey! Pass doch auf!«

Isa strauchelte. Für einen kurzen Augenblick war sie abgelenkt gewesen. Hatte einen Skaterboarder übersehen. Sie stolperte einige Schritte, brauchte einen Moment, um ihr Gleichgewicht wiederzufinden, sich wieder zu fangen. Mit einer gemurmelten Entschuldigung lief sie weiter. Kümmerte sich nicht darum, um ob er sich verletzt hatte. Ob ihm was passiert war. Die ein, zwei Kratzer würden sein kleinstes Problem sein, wenn die Kacke richtig anfing zu dampfen. Autos hupten, als sie erneut über die Straße hetzte. Die Einbahnstraßen und nicht sonderlich klug geschalteten Ampeln, die zu oft von Rot auf Grün wechselten, erschwerten ihr den Heimweg. Doch schlussendlich hatte sie das Hochhaus erreicht. Schweiß lief ihr in Strömen über Stirn und Rücken. Die kühle Luft im Treppenhaus ließ sie frösteln, obwohl es für deutsche Verhältnisse relativ gutes Wetter war und die Temperatur hoch. Isa sprang die Stufen hinauf, mehrere auf einmal, wusste, viel Zeit blieb ihr nicht, wenn die beiden wirklich nicht in Tübingen waren. Ihre Hand zitterte, als sie ihre Wohnungstür aufschloss. Ihr Herz schlug wild in ihrer Brust, das Blut rauschte in den Ohren – Isabelle war sich nicht sicher, ob sie nicht gleich ohnmächtig werden würde. Als die Tür endlich aufsprang, war das Erste, was ihr auffiel, das blinkende, rote Licht des Anrufbeantworters. Auch wenn es altmodisch war, Bashir hatte sich durchgesetzt. Er mochte Anrufbeantworter und hinterließ ihr immer wieder kleine, süße Nachrichten, doch etwas sagte Isa, dass diese Nachricht nicht so süß sein würde, wie sonst. Ihr Atem ging stoßweise, sie biss sich auf die Unterlippe, als sie den Knopf drückte und die Nachricht abhörte.

»Schatz, Nadja und ich sind in Vaihingen. Meine alte Professorin hat uns zum Kaffee eingeladen, du weißt doch, wie sehr ich Valerie Baumann schätze. Aber wir sind zurück, bevor du Feierabend hast – und dann haben wir eine Überraschung für dich. Wir lieben dich, Superfrau!«

Isa lächelte, auch wenn ihr nicht wirklich danach war. Ja, die Nachricht war nicht wie sonst voll süßer Liebesbekundungen, sondern mehr informativ, aber leider nicht so, wie sie gehofft hatte. Die beiden waren also mitten in der Gefahrenzone. Das war definitiv nichts, was sie erfreute, aber sie wusste auch, dass Bashier, ihr geliebter Ehemann, seiner alten Ägyptisch-Dozentin nichts abschlagen konnte. Nicht, nachdem sie ihn voreinigen Jahren in Ägypten an der Forschung an einer alten Pyramide beteiligt hatte und sie dort einen sagenhaften Fund alter Schriften gestoßen waren. Seitdem vergötterte Bashier Valerie Baumann Bashier. In schwachen Momenten wurde sie manchmal eiferrsüchtig, doch dann hinterließ ihr Bashier wieder eine süße, liebe Nachricht und alles war vergessen. Doch nun, nun war er mit Nada bei Valerie. In Vaihingen. Unmittelbar an der Sperrzone. Isabelle schluckte, atmete tief durch. Sie durfte jetzt nicht den Kopf verlieren. Sie wählte die Kurzwahltaste ihres Handys, unter der sie Bashiers Nummer eingespeichert hatte, und wartete. Freizeichen um Freizeichen, doch ihr Mann ging nicht ran.

»Jetzt ist nicht der richtige Zeitpunkt für Höflichkeit!«, fauchte sie und stecke ihr Handy wieder ein. Gut, dann muss ich wohl einfach auf gut Glück losfahren und schauen, dass ich dich erreich, dachte sie, griff nach ihrem Autoschlüssel und verließ die Wohnung. Erneut stürmte sie aus dem Haus und kaum hatte sie ihr Auto erreicht, wählte sie erneut seine Nummer, das Handy mit fahrigen Bewegungen in die Freisprechhalterung klemmend.

 


Kapitel 2

Das Freizeichen nervte sie. Dieser monotone Ton zerrte an ihr, während sie im Schneckentempo aus der Straße fuhr. Wieder einmal bewies Tübingen, dass die stadteigene Straßenführung nichts für Ungeduldige war oder Menschen, die es eilig hatten. Isa knirschte mit den Zähnen, krallte sich am Lenkrad fest, während sie versuchte, dem Drang zu widerstehen, die Fahrer vor ihr anzuschreien und mit einem regelrechten Hupkonzert vor sich herzutreiben. Erfahrungsgemäß ging es dann zwar auch nicht schneller, aber sie konnte zumindest ihrem Unmut freien Lauf lassen. Das Freizeichen tönte laut durch ihr Auto und sie zuckte zusammen. Isabelle seufzte, drehte am Radioknopf. Suchte einen Sender, der dieses nervige Tuten ablösen und ihre Nerven nicht weiter strapazieren würde. Als die Rolling Stones durch den Innenraum ihres Peugot 306 dröhnten, entspannte sie sich etwas. Sie legte auf und beschloss, erst dann wieder zu wählen, wenn sie Tübingen hinter sich gelassen hatte. Zwanzig Minuten müssten reichen, damit Bashier eine Ausrede finden und rangehen konnte. Das Warten trieb sie jedenfalls in den Wahnsinn. Die Rolling Stones schmetterten gerade ihren »Doom and Gloom«-Song, als sie einer schnitt und ohne zu blinken von der äußersten rechten Spur einfach vor sie fuhr und Isabelle nichts anderes übrig blieb, als eine Vollbremsung hinzulegen.

»Du Mongo!« Ihr Herz sprang ihr fast aus der Brust, das Hupen der Fahrer hinter ihr brachte sie allerdings wieder auf Spur. Fauchend gab sie wieder Gas, schaltete und fuhr weiter – immer noch langsam.

Sie streckte gerade den Finger aus, um noch einmal die Nummer ihres Mannes zu wählen, als die leise, basslastige Musik zu einem sehr lauten Getöse wurde, das die Nachrichten ankündigte. Isa fluchte. Sie vergaß immer diese automatische Umschaltfunktion auszumachen und erschrak jedes Mal, wenn die Traffic-Funktion griff und die Musik von sehr lauten Nachrichtensprechern mit betont lockeren Sprüchen abgelöst wurde.

»So eben haben wir erfahren, dass es in Tübingen zu Aufständen gekommen sein soll. Natürlich waren wir von SWR3 vor Ort und haben nachgefragt. Wir haben Katja, die direkt am Pub steht, in der Leitung. Katja, was ist da passiert?« Die Stimme des jungen Mannes, dessen Namen sie sich einfach nie merken konnte, klang überaus fröhlich und aufgedreht. »Wie ist denn die Lage in Tübingen?«

»Nun, Kai, hier sieht es echt abenteuerlich aus. Eingeschlagene Fenster, zerbrochene Stühle – Blut. Krass. Ich stehe hier neben dem Chef des Restaurants, der genauso schockiert ist wie ich. Herr Wolf, können Sie mir sagen, was hier geschehen ist?«

Isa hob eine Augenbraue. Das Ganze war so surreal, dass jeder Künstler neidisch werden würde. Zumindest die zahlreichen verkorksten Hipster-Autoren im Brechtbau.

»Das war eindeutig ein Aufmarsch, ein Aufstand. Das waren eindeutig die Leute von Natureen, die mal wieder gegen unsere Burger-Karte gehetzt haben. Die meckern alle paar Wochen und drohen mit einem Aufmarsch, einer Demo. Die haben schon öfters randaliert oder Scheiben eingeworfen.«

Isabelle runzelte die Stirn, als die tiefe Stimme ihres Chefs aus den Boxen drang. »Chefchen, das ist völliger -«

»Die waren das eindeutig. Haben unsere Gäste angegriffen. Meine Angestellten haben sich versteckt, sind geflüchtet. War alles ziemlich gewalttätig.«

»Wie erklären Sie sich das, dass alles voller Blut ist und keine Verletzten gefunden wurden? Dass Gerüchte rumgehen, dass man zahlreiche Leichen herausgetragen hat?«

Gut gesagt, kleine Moderatorin. Isabelle drehte das Radio lauter.

»Das ist nur aufgebauscht. Natureen ist gefährlich, aber niemand ist zu Schaden gekommen. Vor allem droht keinerlei Gefahr, bei uns zu essen. Wir werden natürlich alle erdenklichen Maßnahmen ergreifen, damit so etwas nicht noch einmal passieren kann. Aber Natureen muss gestoppt werden!«

Ach, Chefchen. Wer hat dir dieses Märchen erzählt?

»Es wird ja vermutet«, konnte sie die Moderatorin, Katja, sagen hören, »dass der Aufstand was mit der Abriegelung Stuttgarts zu tun hat. Was sagen Sie denn dazu?«

»Ich bin nur der Besitzer des Pubs. Ich habe von einer Abriegelung nur aus der Zeitung gelesen – warum sollte es etwas mit diesen Lebensmittel-Terroristen zu tun haben?«

Isabelle schmunzelte. Ja, da hatte er recht. Der Zusammenhang zwischen den beiden Ereignissen war mehr als dürftig. Wer auch immer diesen Stuss verzapft hatte, wusste genau, was er tat. Nun würden alle Natureen noch skeptischer betrachten, als sie es ohnehin schon taten. Isa fand, sie hatte genug gehört. Als die Moderatorin wieder eine Vermutung äußerte, wechselte sie zurück auf ihre Rolling Stones und wählte endlich erneut die Nummer ihres Mannes. Das erneute Tuten des Freizeichens ließ sie mit den Zähnen knirschen. Gerade, als sie wieder aufgeben wollte, knackte es in der Leitung und Bashiers Stimme war zu hören.

»Baby, was ist los?«

»Schatz, seid ihr noch in Vaihingen? Ist alles in Ordnung bei euch?« Isabelle verschwendete keine Zeit mit Smalltalk. Nicht jetzt. Nicht heute. »Stuttgart ist abgeriegelt – haben sie Vaihingen auch schon abgesperrt? Schatz, nimm Nadja und komm da weg!«

»Ich verstehe nicht. Ja, die Situation in Stuttgart scheint ernst, aber Valeries Mann ist schon mit der Lösung beauftragt. Wir sind hier in Sicherheit. Baby, warum rufst du an? Ist etwas passiert? Und warum willst du, dass wir hier weggehen?«

»Es gab … eine Art Virenbefall im Pub. Das ist alles nicht normal. Wie in diesen schlechten Horrorfilmen. Ich bin auf dem Weg zu euch, ich hol euch ab. Dann fahren wir weit weg. Weit, weit weg.«

»Du arbeitest zu viel. Du siehst schon Dinge …«

»Bashier. Ich meine es ernst. Wir müssen weg aus Baden-Württemberg. Stuttgart war sicher erst der Anfang. Du willst doch auch, dass Nadja in Sicherheit aufwächst, oder?«

»Baby -«

»Nein. Nein, ich hol euch. Bleibt, wo ihr seid. Wenn ihr jetzt auf die Straßen geht, weiß ich nicht, ob sie euch nicht doch auflesen und einsperren. Ich hol euch da raus. Aber versprich mir, dass du auf mich warten wirst. Dass du nichts Dummes tust!«

»Isabelle, übertreibst du es nicht ein bisschen? Was ist vorgefallen? Etwas muss doch passiert sein, so wie du dich aufführst.«

Isabelle schluckte. Wie sollte sie ihm davon erzählen, ohne als völlig verrückt abgestempelt zu werden? Auch Liebe hatte ihre Toleranzgrenzen und bei Wahnsinn war meist eine solche Grenze erreicht. »Nun, dieser Ausbruch, dieses Virus – die Leute sind … wir haben ein neues, veganes Gericht auf die Karte genommen. Und als die das gegessen haben, ist die Hölle losgebrochen. Die sind praktisch über uns hergefallen. Haben uns angegriffen, uns gebissen. Die haben Linda und Kathi getötet. Wie Tollwütige! Schatz, wir müssen hier weg!«

»Bist du dir sicher?«

»Ich hab es doch genau gesehen! Und ich weiß, was Sonja erzählt hat. Das alles ergibt Sinn. Das ist viel zu gefährlich! Wir müssen hier wirklich weg, bevor etwas noch Schrecklicheres passiert!«

»Nun … das würde die Polizisten hier erklären. Wenn eine mutierte Form der Tollwut umgeht. Valerie und ich haben in den Aufzeichnungen aus der Pyramide von ähnlichen Ereignissen gelesen. Aber – vielleicht ist das auch nur eine neue Droge, die völlig unkontrollierte Wirkungen hat.«

Isabelle schüttelte den Kopf. Manchmal machte er es ihr echt schwer, nicht vor Frust zu schreien.

»Schatz, ich komm dich holen. Irgendwie schaffen wir es da raus. Wir müssen einfach weg. Zu unserem Schutz. Zu Nadjas Schutz. Aber lass dir nichts anmerken. Ich will nicht, dass meine Süße sich fürchtet. Und … bitte, bleibt bei den Baumanns. Ich bin so schnell wie möglich da!«

»Schatz -« Doch sie konnte die Resignation in Bashiers Stimme hören. Er würde tun, worum sie ihn gebeten hatte. Doch wenn sie ehrlich war, fürchtete sie sich davor, was geschehen würde, wenn Bashier mit Valerie darüber sprach. Sie traute der schrulligen Dozentin durchaus zu, seltsame heidnische Rituale durchzuführen oder mit ihrem Mann über alles zu sprechen. Dann würde dieser Vaihingen wirklich abriegeln lassen. Isabelle hauchte ein paar Küsse ins Telefon, bevor sie auflegte.

»Egal, was passiert. Ich beschütze euch!«, murmelte sie. Sie würde sich ihre Familie, für die sie so lange gekämpft und auf die sie so lange gewartet hatte, nicht wegnehmen lassen. Von niemandenem. Schon gar nicht seltsamen, durchgeknallten Kannibalen. Als sie endlich das Stadtschild Tübingens passierte, trat sie das Gaspedal durch und überholte die Fahrzeuge vor ihr. Entschlossen, sich von nichts aufhalten zu lassen, verlangte sie ihrem Auto alles ab – und genoss es.

 


Kapitel 3

Kaum war sie von der Autobahn runter Richtung Vaihingen abgebogen, beschlich sie ein ungutes Gefühl. Die Straße war wie ausgestorben. Gut, dass niemand Richtung Stuttgart fuhr, war ihr natürlich klar. Abgeriegelte Städte waren nicht gerade beliebe Ziele und auch nicht sonderlich einladend. Doch dass ihr kein Auto aus Vaihingen entgegen kam, verwunderte und beunruhigte sie zugleich. Sie drosselte die Geschwindigkeit, fuhr gemächliche 80, auch wenn es in ihrem Fuß juckte, das Gaspedal durchzudrücken. Geduld war angebracht, auch wenn sie nicht wusste, wie sie die Stärke aufbringen sollte, geduldig zu bleiben. Auf Französisch bis zehn zählend fuhr sie weiter, das Herz flatterte, das Blut rauschte in ihren Ohren. Es fiel ihr nicht leicht, doch sie durfte jetzt keine Aufmerksamkeit erregen. Wenn sie jetzt unangenehm auffiel, konnte sie das alles kosten. Doch weit und breit war keine Menschenseele zu sehen. Das mulmige Gefühl in ihrem Bauch verstärkte sich. Isabelle schluckte. Es fiel ihr schwer, einen kühlen Kopf zu bewahren. Als sie um eine Kurve bog, wäre sie beinahe in die Bremsen gestiegen. Der Ortsrand von Vaihingen war noch ein gutes Stück entfernt und nicht mehr sichtbar, was seltsam war, denn eigentlich sollte sie von hier aus schon einen guten Blick auf die Häuser haben. Stattdessen starrte sie auf ein riesiges Aufgebot an Polizeiautos, Sprintern und Hubschraubern. Autos, unzählige verschiedene Modelle in allen Farben parkten vor großen, weißen Zelten, wie man sie eigentlich nur vom Wasen kannte. Isa schluckte erneut trocken. Angst kroch ihr den Nacken hinauf. Das war nicht gut. Das war gar nicht gut. Weit vor den Zelten standen mehrere Polizeiautos, nebeneinander, stellenweise kreuz und quer. Es sah verdächtig nach einer Blockade aus. Isabelle fluchte.