Prolog

6. Dezember 2016

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»Verschwinden Sie! RAUS! Sofort raus hier!«
Leo hob die Augenbrauen, griff nach ihrer Tasche, warf alles wahllos hinein und rauschte mit hoch erhobenem Kopf aus dem Seminarraum. Unwillkürlich grinste sie breit, als sie die offenen Münder und die entgeisterten, aber auch begeisterten Gesichter ihrer Kommilitonen sah, an denen sie vorbei ging.
Während sie die leeren Gänge der Fakultät entlang ging, wühlte sie in den Tiefen ihrer Tasche nach ihren geliebten Gauloises. Die Zungenspitze am oberen Würfel ihres Lippenpiercings schlenderte sie Richtung Ausgang, bis sie endlich die Zigarettenschachtel zu fassen bekam. Sie kniff die Augen zusammen, das helle Sonnenlicht nach dem dämmrigen Licht des Seminarraumes stach ihr in den Augen und mit einem Seufzer schloss sie sie, versuchte, sich zu entspannen und nachzudenken.
Sie atmete tief durch und zündete die Kippe an, die in ihrem Mundwinkel hing. Nach einem tiefen Zug meldete sich ihr Gewissen.
Okay, klug war es jetzt nicht, dass ich ihm mein BGB an den Kopf geworfen hab, aber … mein Gott, er hat es verdient! Dieses Arschloch! Diese Flachpfeife!
Sie nahm noch einen Zug und fragte sich, wie es jetzt weiter gehen sollte. Dass es Ärger geben würde, stand außer Frage. Ein Luftzug hinter ihr verriet ihr, dass das Seminar vorbei war.
»Boah, wie geil! Total krass!«
Sie verdrehte die Augen, erkannte die Stimme. Idiot.
»Ach, meinst du diese Punkerin? Die hat eh noch nie zu uns gepasst. Wir werden sie wohl nie wieder sehen.«
Fick dich, Barbie! Leo brauchte sich nicht einmal umzudrehen, um zu wissen, wer da sprach. Ihre Kommilitoninnen sahen sowieso alle gleich aus. Sie nahm einen letzten, tiefen Zug, warf den qualmenden Stummel demonstrativ auf den Boden und trat sie aus. Mit einem schiefen Lächeln wandte sie den Kopf und sah sie ihre Kommilitonen an, die erst jetzt merkten, dass sie neben ihnen stand. Leos Blick glitt über die beiden und sie konnte sich gerade noch ein verächtliches Schnauben verkneifen. Typische Reiche-Eltern-Kinder. Dumm wie Stroh, aber Papi hat Geld, das regelt dann schon alles, vor allem Fehltritte! Sie nickte ihnen gehässig zu und wandte sich zum Gehen.
»YEAH! LEO! GEILE AKTION!« Die nächsten, die aus der Fakultät strömten.
Sie schüttelte lächelnd den Kopf. Es hat den Anschein, als fände mein Ausbruch doch noch Zustimmung. Doch ohne die Begeisterung einiger zu teilen oder zu kommentieren, wandte sie dem Gebäude den Rücken zu. Als sie die Treppen der Fakultät hinunter ging und ihre S-Bahn-Station in Sichtweite kam, musste sie sich eingestehen, dass es vielleicht noch viel dümmer gewesen war, als sie vermutet hatte. Auch wenn das berauschende Hochgefühl nicht von schlechten Eltern war und einigen anderen Substanzen, die sie in ihrem Leben schon ausprobiert hatte, in nichts nachstand. Die Zweifel verdrängten es aber und wirkten wie eine kalte Dusche.
Scheiße! Was mach ich jetzt? Und wir erklär ich das meiner Mum? FUCK!

Nachdem Leo die Tür hinter sich ins Schloss geworfen und sich gegen das Holz gelehnt hatte, sprang ihr kleiner Hund an ihr hoch, doch um ihn zu bespaßen fehlte ihr im Moment der Sinn. Gedankenverloren strich sie ihm über den Kopf, kraulte seine Ohren und warf die Tasche in die Ecke und sich selbst in ihren Schreibtischstuhl. Das hektisch blinkende Licht ihres Anrufbeantworters stach ihr ins Auge und ließ sie das Gesicht verziehen. Das konnte einfach nichts Gutes bedeuten. Niemand sprach ihr jemals aufs Band, außer um ihr den Tag zu verderben. Sie spielte kurz mit dem Gedanken, die entgangenen Anrufe zu ignorieren und so zu tun, als hätte es sie nie gegeben. Nervös fuhr Leo sich durchs kurze, mit blauen Strähnen durchzogenes Haar und ging in die Küche, um sich einen Kaffee zu machen. Das blinkende Licht der Maschine erinnerte sie unbarmherzig an ihren Anrufbeantworter. Sie starrte einige Herzschläge lang auf die cremige Oberfläche ihres Kaffees, bevor sie einknickte und nachgab. Einen Schuss Milch und einen Löffel Zucker später drückte sie das Knöpfchen und hörte ihre Nachrichten ab. Als die Stimme ihres Chefs durch das kleine Wohnzimmer hallte, stöhnte sie. Dass das Schlimmste noch bevorstand, ahnte sie nicht.  Die nächste Nachricht erschütterte ihre kleine Welt.
»Frau Haag, wir bitten darum, dass Sie sich morgen Mittag zu einem Gespräch mit dem Dekan einfinden. Es geht um Ihren Angriff auf Dr. Schmieder. Seien Sie pünktlich. Ihre weitere Zukunft an unserem Institut hängt davon ab!«
Scheiße! Sie wusste jetzt schon, was sie erwarten würde. Man würde sie mit Schimpf und Schande exmatrikulieren. Und selbst wenn nicht, sie würde nie wieder Fuß fassen können nach dieser Aktion.
Dann sollte ich mich wohl besser von Hamburg verabschieden …
Widerwillig setzte sie eine Kündigung auf und griff danach zum Telefon.
Da muss ich jetzt durch! Selbst schuld!
»Hi, Mama, du, also … ich muss dir was gestehen …«

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