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Nach der Buchmesse ist vor der Buchmesse oder so ähnlich

Die Buchmesse in Leipzig ist vorbei. Worte, die noch  nicht ganz bei mir angekommen sind und deren Sinn ich noch nicht ganz  begreifen möchte. Die Buchmesse – ja, ich ärger mich, dass ich letztes Jahr nicht dort war – war einfach wieder einmal DER HAMMER. Sorry, aber Cpt. Caps wollte auch mal ans Steuer.

Es war zugegeben eine kurzfristige Entscheidung, dieses Jahr hinzufahren, aber ich bereue sie keineswegs. Die Buchmesse in Leipzig ist DAS Paradies für jeden Leser, Autor, Schreiber, Geek. Kurz gesagt: ich liebe sie. (Sorry herzallerliebstes Auto, aber dagegen kommste nicht an.)

Wenn man mal von der etwas chaotischen Anreise absieht (hallooo, DB), war der erste Tag nicht schlecht. Ich habe mich dagegen entschieden, wie das letzte Mal einen Tag durchzuschlafen (war verlockend, so ist es nicht), sondern habe mich einmal durch die Lieferdienste der Umgebung bestellt (1. Tat in Leipzig: Lieferheld-App installieren, danach die DB-App). War okay, manches war … abenteuerlich interpretiert, aber man konnte es essen 😛IMG_20170325_195842_944

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So toll sahen meine Haare noch nie aus. Ehrlich.

Den Donnerstag hab ich dann echt sinnvoll genutzt – zudem  meine Haare wunderschön aussahen 😀 und ich somit bereit war, ggf. mit meiner Haartolle zu überzeugen, wenn Argumente und Redefluss nicht reichen . Ich bin Verlagen und Verlegern auf den Sack gegangen (höhö), habe Titelbilder und Bücher angeschmachtet und gefangirlt.

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So sieht das btw aus, wenn man ABSOLUT KEINE BÜCHER kaufen will.

Ich habe mich bei PAN panieren lassen (höhö) und die PAN-Lounge besucht und mich mit meinen Autorenkollegen über Gott und die Welt (in unsrem Fall viele Welten und Lektorate sowie Verlage und Autoren) unterhalten und meinen Koffeinpegel reguliert. (Niemals, NIEMALS löslichen Kaffee mitnehmen, wenn man vier Jahre lang frisch gemahlenen Bohnenkaffee genossen hat. Das ist einfach nur wid.er.lich.)

Am Abend wollte ich mich mit der einzigartigen, fantastischen Jana Oltersdorff (ernsthaft, Leute, wenn es jemand gibt, den ich ausnahmslos als seelenverwandt bezeichnen würde, dann diese hammerlustige und kluge und witzige Frau! Noch nie jemanden erlebt, der so gechillt auf der gleichen Wellenlänge geeumelt ist wie ich!) und den Qindie-Autoren treffen. Wollte. WOLLTE. Mein Navi war aber anderer Meinung. Ich bin noch nie so oft um ein und denselben Block gelaufen. War schon auf Du und Du mit dem Kerl, der von seiner Frau samt Hund auf die Straße verbannt wurde zum Rauchen. Als ich das Lokal endlich gefunden hatte, war der Abend einfach nur genial. Gut, ein wenig Work-Shaming gabs noch (ehrlich, Leipzig, habt ihr keine fähigen Kellner bei euch in der Stadt?!), es wurden Geschichten geplant, Ideen geplottet und ich hab mich bei Qindie beworben. Oder will das noch (Notiz an mich: Bewerbung abschicken).

Am nächsten Tag habe ich Jana dann gefangirlt. Abgesehen davon, dass mich der Nahverkehr absolut überfordert hat und ich ewig gebraucht habe und leider etwas viel von der LBM-Guerilla-Lesung verpasst habe, war der Morgen der perfekte Start. Ehrlich – wer kommt auf die Idee, dass eine S-Bahn was anderes ist als eine Straßenbahn?! Wofür steht dieses “S”? “Scheiß”-Bahn? “Schöne” Bahn? “S’juckt mich  nich”-Bahn? “Sachsen”-Bahn? Ich hasse den Nahverkehr.

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“Kind, lohnt sich für dich die Buchmesse denn überhaupt? Hast du Fans? Will jemand überhaupt dein Buch lesen?” Mama, der nächste Therapeut geht auf dich.

Auf der Messe haben Jana und ich uns gegenseitig gefangirlt – je nachdem an welchem Stand wir waren – oder haben die echt superschönen Cover des Drachenmondverlags angeschmachtet und uns auf der Leseinsel gechillt. Zusammen mit Juliane Schiesel und Katharina Groth haben wir dann DIE Idee für DIE Literaturnische schlechthin geplant (Zombie-Erotik mit Einhörnern, meine Lieben!), als die snafte Berieselung (wer hat denn da eig. gelesen?) der aktuellen Lesung von EPISCHER MUSIK IN TODESLAUTSTÄRKE unterbrochen wurde. Ich weiß bis heute nicht, um welches Buch es sich handelt, wer der Autor ist und was er vorgelesen hat. Ich weiß nur, dass er extra für seine Geschichte Musik hat komponieren lassen, die er mit aller Macht eingespielt hat. Hierzu sei gesagt: wer mit Musik anfängt, muss mit Musik aufhören! Sein Nachfolger hat allerdings auf Minimalismus gesetzt. Wenig laut, wenig verständlich, Ordner vorm Gesicht. Kann man machen, ist halt … uncool.

Aber was halt immer wieder, neben den Büchern, neben den Gesprächen, neben dem Verleger knuddeln (huhu, Jürgen!) immer wieder ein Highlight ist: die Cosplay-Vielfalt. Wenn ich nur ansatzweise so begabt wäre, würd ich’s ja auch versuchen – wobei … wenn ich da an die “schwarze Rose” denke – das kann ich auch. Nur nicht mit dieser unfassbar männlichen Stimme. IMAG0366-579x1024IMAG0363-1024x579

Freitagabend hab ich dann stilvoll in der Soupbar Summarum ausklingen lassen, bei der “Mängelexemplar-Lesung” des Amrûn Verlags. Der Helene Fischer des Horrors zu lauschen, mit dem einzigartigen Carlos Reissmann zu reden und dem eigenen Ruf mal wieder folge zu leisten – kann’s denn besser werden? Ja, kann es. Wenn nämlich Jana ausgehungert verspätet aufschlägt und Eintopf schnabulieren möchte, während Constantin Dupien von nicht ganz sehr Hunger fördernden Szenarien liest. Jemand hätte ihren Gesichtsausdruck festhalten müssen! Oder den von Jürgen Eglseer, als Juliane und ich ihm von unserer Zombie-Erotik-Idee erzählt haben. Geschenkt haben sich die beiden da nicht viel. IMG_20170324_230052_463IMG_20170325_112940_658

Ja, ja, ich weiß, ich bin ein wenig faul und das liest sich hier eher wie ein sehr konfuser Tagebucheintrag, aber hey, meine Zombies warten :p daher kurz zusammen gefasst: Den Samstag hab ich die Messe gemieden und mich in einem Café gechillt und geschrieben. Sonntags hat mir “Life” noch mal eine mitgegeben – mein Koffergriff ist gebrochen, mein Anschlusszug war weg, das übliche halt -, dafür war das Frühstück super, wenn auch  mit leicht fragwürdigem Service, und mein Todesblick hat dafür gesorgt, dass ich einige Flyer verteilen konnte, ohne, dass mir die Leute widersprochen haben. Könnte ruhig öfters so laufen 😛

Abschließend zu sagen gibt’s halt nur eins: LBM18, isch kommä. Und ich verspreche, dieses Mal nicht zu lachen, wenn sich zwei Ostdeutsche im tiefsten Dialekt streiten.

LBM17 und “Das Mädchen mit der Tasche”

Wie schon angekündigt, habe ich mal wieder etwas geplant. Dieses Mal allerdings keine Unterschriftenaktion mit Buchsammlung, damit mein Postbote mich nicht noch mehr hasst, als er es eh schon tut 😀

Nein, dieses Mal bringe ich euch etwas mit, was ihr auf eine Reise schicken müsst, oder sollt. Drei Reisetagebücher, in der jeder ein Erlebnis reinschreiben soll, um es dann dem nächsten weiterzugeben – ich wollte das letztes Jahr schon machen, habe aber aus privaten Gründen die LBM gemieden. Und ich habe etwas bei mir, was für einen guten Zweck versteigert wird. Ein kleines Büchelein, in das jeder, der mir über den Weg läuft und meine Aufmerksamkeit auf sich zieht, hineinschreiben soll, was ihn antreibt, wenns mit Anlauf und Schwung mal so richtig scheiße läuft. Getreu dem Motto, wenn das Leben dir Zitronen gibt, frag nach Tequila.

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Auf dem Bild seht ihr das kleine Motivationsbuch (rotes Lederdingens), Walerie, Walter und Walthraud, die Resietagebücher – und die kleine Mischief 😛

Ich bin wirklich gespannt, wer alles mitmachen wird; wie weit die Reisetagebücher kommen und ob das kleine Motivationsbüchlein am Sonntag voll sein wird 😀

In deinem Licht und meinem Leben

Als Lena erfährt, dass ihr Vater gestorben ist, bricht für sie eine Welt zusammen. Doch als sie sieht, wie sehr ihre Mutter leidet, beschließt sie, dem Tod einen Deal vorzuschlagen: er gibt ihr ihren Vater zurück und bekommt dafür ihr Leben, wobei sie aus der Erinnerung ihrer Familie gelöscht wird. Der Tod erweitert den Pakt. Er gibt Lena ein Jahr Zeit, dafür zu sorgen, dass sich ihre Familie wieder an sie erinnert, dann dürfe sie mit ihren Eltern glücklich leben. Wenn sie es nicht schafft, muss sie den Platz ihres Vaters im Totenreich einnehmen. Lena setzt alles daran, dass sich ihre Liebsten an sie erinnern – doch sie hat die Rechnung ohne ihre Gefühle und den Tod gemacht.

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Ja, ein Liebesroman mit fantastischen und dramatischen Elementen 😀 mit einem wunderschönen Cover.

NaNoWriMo

Ich versuche es seit drei Jahren jedes Jahr aufs Neue. Ich habe es noch kein einziges Mal geschafft, wenn ich ehrlich bin. Letztes Jahr beinahe, aber auch das Projekt liegt mittlerweile etwas verstaubt auf meinem Schreibtisch herum. Kleine Info, das da ist mein Profil.

Projekt 2014: Die Jungfrau von Elyos

Projekt 2015: In deinem Licht und meinem Leben

Projekt 2016: Die Nacht der Blumen

Dieses Jahr will ich es schaffen. Dieses Jahr schreibe ich dieses gottverdammte Projekt zu ende, dann die anderen und dann erobere ich die Welt. Irgendwie. Und wenn ich mir einen Globus basteln muss, auf den ich mich dann draufsetz. Ich schaffe das! Und ich werde mir Hilfe holen.

Euch.

Ich werde jeden Tag oder zumindest jeden zweiten Tag das aktuelle Geschreibsel posten. Denn nur so kann ich garantieren, dass ich mich daran halte und ich erwarte Kommentarterror, wenn ich in Verzug bin. Kann ich mich auf euch verlassen?

Kapstadt, 1851

Im Castle of Good Hope war es still. Gespenstisch still. Der Morgen graute und nicht einmal die Angestellten, die die Festung in Stand halten sollten, waren emsig unterwegs. Es schien, als würde das Kastell dem Dornröschenzauber verfallen sein und schlafen. Doch je tiefer man in die Festungen drang, je näher man dem Gefängnistrakt kam, desto unheimlicher wurde das Gemäuer. Schreie, schrill und laut, unmenschlich und verzerrt, drangen aus den einzelnen Zellen und hallten von den Wänden wieder. Eiserne Jungfrauen, spanische Stiefel und Streckbänke waren in einigen Kammern aufgestellt. Dunkelheit zog sich durch die Gänge, verweigerte einen Blick auf die Gefangenen in ihren Zellen, bot den Folterknechten Schutz vor Blicken und die Tarnung, ihre sadistischen Fantasien auszuleben. In einer der tiefer gelegenen Folterkammern drangen Schreie und seltsame Geräusche nach draußen auf den Korridor.
»Du kannst so viel schreien, wie du willst, kleines Mädchen! Keiner wird dich hören!« Die Stimme des Folterknechts klang rau, erregt. Die Dunkelheit, die Schatten in der Kammer schienen lebendig zu sein und mit jedem Lachen, das der Knecht ausstieß zu wachsen. Wie gierige Finger schienen sie nach den Gequälten zu greifen, ihren Schmerz aufzusaugen. Ein Feuer in der Mitte des Raumes spendete weder genug Licht noch Wärme, seine einzige Daseinsberechtigung bestand darin, Eisen zu erhitzen. Glühende Brandeisen lagen in der Glut. An der Wand hingen drei abgemagerte Gestalten an den Wänden, mit rostigen Fesseln befestigt und auf der Streckbank lag ein junger Mensch, mager, mit fahler Haut und ausgemergelt. Man konnte nicht erkennen, ob Junge oder Mädchen, so missgestaltet war sein Körper durch all die Folter. Seine Haut schillerte in allen Farben, das rechte Auge war geschwollen, die Nase mehrfach gebrochen. Der Folterknecht rieb sich die Hände, stieß immer wieder ein schrilles Lachen aus, das vor Schadenfreude und Erregung schaurig von den Wänden hallte. Eine kleine Gestalt mit einem ledernen Buch auf dem Schoss saß in einer Ecke, ignorierte die Schatten und war um Beherrschung bemüht. Der Geruch, die Schreie, der gesamte Raum verursachte ihm Übelkeit, doch seine Aufgabe war es, Dandalos zu begleiten. So lange, bis Delo auftauchte und es kam, wie es kommen musste: Ein Kampf um eine reine Seele, obwohl es ihm schwerfiel zu glauben, dass sich eine reine Seele in diesem Raum befinden sollte. Dandalos hatte dafür einfach zu leichtes Spiel gehabt, den Folterknecht, der in einer Kammer am Ende des Flurs schlief, dazuzubringen, Gefangene zu foltern, zu quälen und zu verstümmeln. Einem der Opfer hatte er Stück für Stück die Finger der rechten Hand zertrümmert, einem anderen alle Haare vom Körper gebrannt. Dem dritten Gefangenen hatte er die Haut an seinem Genital abgezogen und ihn gezwungen sie zu essen. Dandalos war es gelungen, die schlimmste, sadistischste Seite des Folterknechts hervorzuholen und ihn zu einem wahren Meister dieser Kunst zu machen. Nun musste der junge Mensch, ein Kind, herhalten. Er war sich sicher, dass dieses Kind die reine Seele war. Dieses Kind würde die Nacht nicht überleben, da war sich die kleine Gestalt sicher. Schatten hüllten ihn ein, strichen über die frisch beschriebenen Seiten. In seinen Ohren erklang Dandalos‘ Stimme.
»Nun, kleiner Schreiberling, wo bleibt der große, allmächtige Engel? Hat er aufgegeben? Wirst du nun nur noch mich begleiten? Hast du eingesehen, dass es mit mir viel spannender ist?« Die Stimme des Dämons war schmeichelnd, lockend, doch er widerstand. Dandalos versuchte immer wieder – seit Jahrhunderten – ihn auf seine Seite zu ziehen, ihn dazuzubewegen, die Gebote seines Volkes zu missachten und die Regeln zu brechen. Im Gegensatz zu Delo, der ihn weitest gehend ignorierte. »Komm schon, kleiner Schreiberling. Antworte mir! Oder der kleine Junge, der wie ein kleines Mädchen schreit, wird noch mehr leiden.«
Er wusste, egal, ob er sprechen oder schweigen würde, das Kind würde so oder so leiden. Mit zusammengebissenen Zähnen schrieb er weiter, ignorierte Dandalos und versuchte die Schreie auszublenden. Seine Hand zitterte, als er die Ereignisse aufschrieb und allein der Gedanke an Delos Abwesenheit hielten ihn davon ab, die Gebote seines Volkes zu missachten und aus der Kammer zu flüchten. Zu grausig waren die Dinge, die Dandalos dem Menschenkind antat. Und was ihn erwarten würde, wenn er sich nun einmischte und das Kind rettete, wollte er sich nicht vorstellen.

Delo schluckte. Die Holztür, vor der er stand, schien unüberwindbar zu sein. Er wusste, wer sich dahinter befand, wagte aber nicht, einfach einzutreten. Sie befand sich dahinter, er konnte sie spüren. Ihren Herzschlag hören. Julia, seine Julia.
Nun, nicht genau seine Julia, aber ihre Reinkarnation. Ihre Seele. Das Pedant zu seiner. Die Liebe seines unsterblichen Lebens. Er hob die Hand, wollte anklopfen, als Schreie ertönten. Delo zuckte zurück, brauchte einen Moment, um sich zu fangen. Dann stürmte er das Zimmer.
»Julia!« Die Angst hielt sein Herz gefangen. »Julia, bist du in Ordnung? Ist dir etwas zugestoßen?« Sein Blick suchte wild das Zimmer ab. Die Balkontüren standen offen, die Vorhänge flatterten wild im Wind. »JULIA!!«
Eine junge Frau saß in einer Ecke des Zimmers, die Beine angewinkelt, die Arme um den Kopf geschlungen. Ihre Schreie wurden von einem Wimmern unterbrochen, ihr langes Haar war zerzaust und verfilzt. Büschel davon lagen um sie herum verstreut und der Wind spielte mit ihnen.
»Julia!« Delo eilte zu ihr, hilflos sah er, wie sie sich quälte. »Julia, wie kann ich dir helfen? Was kann ich tun? Wer hat dir das angetan?« Er streckte die Arme aus, um sie an sich zu ziehen, wagte es aber nicht. Ihre Schreie zerrissen ihm das Herz. Ihr Weinen ließ ihn erschaudern. »Julia, bitte … lass mich dir helfen.«
Die junge Frau hob den Kopf. Tränen flossen über ihre Wangen, ihre Pupillen waren geweitet, ihre Augen groß. Unendlicher Schrecken stand in ihnen. Tiefe Kratzer zogen sich über ihre Haut. Es schien, als hätte sie versucht, sich selbst zu verletzen, um – ja, um was? Was ging hier vor sich? Delo nahm ihre Hände in seine und versuchte, in ihren Geist zu dringen. Doch die wirbelnden Gedanken machten es ihm fast unmöglich. Doch die Bilder, die er aufgreifen konnte, erschütterten ihn. Ein Verlies, dunkel, düster. Blut an den Wänden und ein Kind, geschunden und am Ende seiner Kräfte. Und – Dandalos. Immer wieder Dandalos.
»Er ist es! Er lässt dich diese Bilder sehen und die Schmerzen des Kindes spüren, nicht wahr? Er ist für deinen Zustand verantwortlich!« Delo knirschte mit den Zähnen. Er wusste nicht, wie er die Verbindung zwischen den beiden brechen sollte. Aber wenn er es nicht bald tat, würde sie zerbrechen.
Kreuz, er brauchte ein Kreuz. Ein Exorzismus würde helfen, hoffte er. Delo erhob sich, sah sich suchend um. Nichts. Als ob Dandalos genau gewusst hätte, was er versuchen würde und dafür gesorgt hatte, das alles, was ihm helfen würde, aus dem Zimmer verschwand.
»Irgendwas … hier muss doch -« Eine Bewegung ließ ihn herumwirbeln. Julia war aufgesprungen. In ihrem weiten, weißen Nachtgewand, den wild flatternden Haaren und den Kratzern auf der Haut sah sie aus wie eine Erscheinung aus einer anderen Welt. Bevor er sie aufhalten konnte, war sie an ihm vorbei gerannt, hinaus auf den Balkon.
»Julia, Julia, bitte tu das nicht!«, flehte er, kam langsam auf sie zu. Jede schnelle, hektische Bewegung würde sie dazu bringen, zu springen, das spürte er. Für einen kurzen Augenblick sahen sie sich an, er glaubte, ein Lächeln, ein sehr, sehr trauriges Lächeln, auf ihrem Gesicht zu sehen. »Bitte, ich kann dir helfen.«
»Niemand kann mir helfen.« Ihre Stimme war leise, zart wie der Wind, der sie umspielte. »Nur ich kann das beenden.«
Starr vor Angst und Schock beobachtete er, wie sie auf die Brüstung kletterte.
»Nur ich kann es beenden …« Mit ausgebreiteten Armen ließ sie sich in die Tiefe fallen.

Es war einmal …

»…vor langer, langer Zeit in einem nicht allzu entfernten Land, da gab es sich – BLÖDSINN!« Sie schlug das Buch zu und schleuderte es in eine Ecke. »Es war einmal am Arsch!« Wütend verschränkte sie die Arme und setzte sich auf ihr Bett. Elanthia bedachte das Märchenbuch mit einem bösen Blick. All die Geschichten waren genau das. Geschichten. Als kleines Mädchen hatte sie sie geliebt, hatte sich immer gewünscht, eines Tages selbst eines zu erleben. Ein Abenteuer. Magisch, fantastisch, weit weg von zuhause.
Zuhause. Seit ihre Eltern nicht mehr lebten und ihre Großmutter sich immer mehr an die Vergangenheit klammerte, war sie am liebsten alleine durch die Wälder gestreift. In der Natur war sie frei und musste sich nicht irrwitzigen Anforderungen stellen. Es mochte ja sein, dass ihre Mutter eine großartige Kriegerin gewesen war oder ihr Vater ein Meisterspion im Auftrag des Königs, aber sie war es nicht. Sie war einfach nur ein gewöhnliches Mädchen mit einer großen Faszination für die Natur. Nur konnte das ihre Großmutter offensichtlich nicht akzeptieren.
»Elanthia!«
Sie zuckte zusammen, als die Stimme ihrer Großmutter durch das kleine Häuschen hallte. Die alte Dame war nicht mehr in der Lage, alleine für den Unterhalt für sie beide aufzukommen, daher musste sie langsam auch helfen, das war ihr bewusst. Doch genau deswegen stritten sie sich ständig. Während ihre Großmutter sie unbedingt unter den Krieger-Novizen sehen wollte, war sie mehr an der Gemeinschaft der Jäger interessiert. Heimlich hatte sie sich auch Pfeil und Bogen geschnitzt und gebastelt – und verbotenerweise immer wieder benutzt.
»ELANTHIA!«
»Ich komm ja schon!«, schrie sie zurück. Elanthia seufzte, band die Haare zu einem Zopf zusammen, bevor sie die wenigen Stufen hinuntersprang. Zu ihrem Glück war ihre Großmutter nicht mehr in der Lage, ohne Probleme Treppen zu steigen und hatte ihr so das runde Zimmer überlassen. Das wenige, was sie an Privatsphäre hatte, war ihr heilig und dennoch würde sie sie jederzeit gegen ihre Freiheit eintauschen. Eine Freiheit, die es ihr ermöglichte, zu tun, was immer sie wollte.
»ELANTHIA!«
Sie ballte die Hände zu Fäuste. Die Frau trieb sie in den Wahnsinn!
»Großmutter, beruhige dich. Ich bin doch schon auf dem Weg, ich kann mich einfach nur nicht teleportieren.« Elanthia blieb einen Moment kurz stehen und schloss gequält die Augen. »Tut mir ja leid, dass ich nur ich bin und nicht was so besonderes wie meine Mutter es gewesen war!«
»Was hast du gesagt?«, keifte ihre Großmutter.
»Nichts!«, schrie sie zurück, obwohl sie mittlerweile längst im zweiten Raum des kleinen Häuschens stand. Das Zimmer war größer als ihres, umfasste Küche, Schlafzimmer ihrer Großmutter und Wohnzimmer in einem, und war mit  Erinnerungsstücken an ihre Mutter vollgestopft. Es glich mehr einem Schrein als einem Wohnraum. Und sie hasste es.
»Elanthia, du kannst mich doch nicht immer so warten lassen! Deine Mutter war nie so rücksichtslos. Dieses Verhalten musst du wohl von deinem Vater geerbt haben.«
Elanthia verkniff sich einen Kommentar und setzte sich an den kleinen, abgenutzten Tisch. Ihre Großmutter stellte ihr wortlos etwas zu essen hin und musterte sie kritisch. Erfahrung und besseres Wissen ließen Elanthia den Blick senken und ihren Teller anstarren. »Weißt du, ich habe alles getan, damit es dir gut geht. Fünfzehn Jahre lang habe ich alles für dich getan und du dankst es mir immer wieder mit Trotz. Ach, Kindchen, ich bin wirklich froh, dass du heute deine Ausbildung beginnst und etwas Geld nach Hause bringst. Deine Mutter war …«
»… eine außergewöhnliche Kriegerin und eine total tolle, wohl erzogene Frau, ja, ich weiß. Sie hätte einen König heiraten können und hat sich für einen Versager wie meinen Vater entschieden. Danke, ich kenne die Geschichte.« Elanthia schob den Teller zur Seite und stand auf. »Ich gehe jetzt besser, bevor ich zu spät komme. Danke, Großmutter, für das Frühstück. Bis heute Abend.«
»Du hast doch gar nichts gegessen!«, war das letzte, was sie hörte, bevor sie das kleine Häuschen verließ. Sie wusste, es war unfair ihrer Großmutter gegenüber und auch ein wenig undankbar, aber sie ertrug die Vorwürfe nicht länger. Ein Blick gen Himmel verriet ihr, dass sie noch genug Zeit hatte, um ihren Bogen und den Köcher aus dem Versteck zu holen. Sie würde sich nicht den Kriegern anschließen, wie ihre Großmutter es immer geplant hatte. Sie würde sich bei den Jägern melden.

Oder auch nicht, wenn sie sich ansah, was sich alles bei den Jägern meldete. Elanthia umklammerte ihren Bogen, ihr Herz schlug wild in ihrer Brust. In mitten all der großen Männer fühlte sie sich klein, nahezu unbedeutend. Doch gleichzeitig weckte es ihren Ehrgeiz. Sie würde es ihnen allen zeigen. Sie würde sich einen Platz unter den Jägern erkämpfen und eine von ihnen werden.
Wenn man sie ließ.
»Wer bist du denn?« Elanthia hob den Kopf, musste ihren Hals recken, um demjenigen ins Gesicht zu blicken, der sie angesprochen hatte. Es war der oberste königliche Jäger. Nicht der Jägerhauptmann des Dorfes, sondern direkt aus dem Palast, wie sie an seinem Abzeichen an der Brust erkennen konnte. »Na? Hat es dir die Sprache verschlagen? Kannst du überhaupt sprechen?«
»Ja!« Es klang trotziger als beabsichtigt. »Ich bin Elanthia.« Sie würde nicht den Namen ihrer Großmutter oder ihrer Mutter nennen. Sie wollte nicht nach Hause oder zu den Kriegern geschickt werden.
»Du siehst nicht aus, als könntest du die Ausbildung bewältigen.« Der oberste Jäger musterte sie. Sie sah, wie sein Blick zu ihrem Bogen glitt und konnte sich das herausfordernde Lächeln nicht verkneifen. ja, sie wusste, man sah, dass er selbst gemacht war, aber sie wusste auch, dass man erkennen konnte, dass es gute Arbeit war. »Hast du diesen Bogen angefertigt?«, wollte er wissen. Sie nickte und streifte ihn ab. Mit zitternden Händen reichte sie ihm in. »Das sieht nach guter Arbeit aus«, murmelte er, während seine langen Finger über das Holz glitten. »Saubere Handarbeit, das muss man sagen. Funktioniert er auch?«
»Einwandfrei, Sir«, mischte sich eine ihr nur allzu bekannte Stimme ein. Der Jägerhauptmann des Dorfes war neben ihr erschienen. Elanthia verzog das Gesicht. Das würde sicher nicht gut für sie ausgehen. »Ich habe oft gesehen, wie sie damit geschossen hat – besser als jeder meiner Adepten. Sie hat nie verfehlt und was sie alles erlegt hat, war meisterlich geschossen. Sie hat Talent, auch wenn ihre Großmutter das anders sieht.«
»Sie hat also königliches Wild ohne Erlaubnis geschossen?«
Elanthia zog bei dieser Frage den Kopf ein. Das hatte sie wirklich. Allerdings hatte sie ihre Beute immer vor der Jagdhütte abgelegt, so dass sie niemals Ärger bekommen hatte oder erwischt worden war. Dachte sie zumindest.
»Ja, aber sie hat nichts davon behalten, sondern immer dafür gesorgt, dass wir es als die unsrige Beute ausgeben konnten. Der Palast hat seit Monaten von ihr geschossenes Wild genossen.« Elanthia glaubte, ihren Ohren nicht richtig zu trauen. Nahm der Jägerhauptmann sie etwa in Schutz?
»Dann sollte sie an der Prüfung teilnehmen.« Der oberste Jäger richtete seine Aufmerksamkeit wieder auf sie. »Du hast drei Stunden Zeit, einen Hirsch in den königlichen Wäldern zu erlegen. Schaffst du es nicht, ist es dir nicht möglich, sich den Jägern anzuschließen. Es ist  nicht wichtig, wie groß oder schwer der Hirsch ist. Wichtig ist, dass du einen erlegst. Hast du mich verstanden?«
Sie nickte.
»Einen Bogen hast du ja. Nimm dir ein paar Pfeile und lass mich sehen, ob du wirklich ein so großes Talent besitzt, dass sich Yolantos für dich eingesetzt hat.«
Yolantos. So also hieß der Jägerhautpmann. Elanthia nickte und eilte hinüber zu dem Tisch, auf dem eine große Menge Pfeile bereitlagen. Die königlichen Diener ließen sie gewähren, auch wenn sie an ihren Gesichtern erkennen konnte, dass es ihnen widerstrebte. Am liebsten hätte sie ihnen die Zunge entgegengestreckt. Doch dafür blieb ihr keine Zeit. Aufgeregt eilte sie in den Wald, nachdem sie sich mit Pfeilen versorgt hatte.

Der Wald erschien ihr mit einem Mal anders als sonst. Er wirkte bedrohlich, beinahe schon abwehrend. So als wolle er nicht, dass sich mehrere Jäger durch ihn hindurch schlichen und seine Bewohner jagten. Elanthia legte eine Hand auf den Stamm einer besonders großen Eiche und murmelte eine Entschuldigung. Sie wusste nicht, warum sie das tat, aber es fühlte sich richtig an. Und es schien, als wäre der Wald damit etwas besänftigter, denn plötzlich schien er heller und klarer zu sein.
wobei sie sich das sicher nur einbildete.
Ehrgeiz packte sie und sie beschleunigte ihre Schritte. Elanthia suchte ihre Umgebung nach Spuren ab, einem Hinweis, irgendetwas, als ein lautes Rascheln sie aufschreckte. Es war zu laut, als dass es ein Kaninchen gewesen sein könnte. Vielleicht würde sich der königliche Jäger auch mit einem Wildschwein zufrieden geben. Ohne groß darüber nachzudenken, schoss sie einen Pfeil ab, genau in die Richtung, aus der das Rascheln gekommen war. Das würde das Tier aufschrecken und vielleicht sogar in in ihre Richtung treiben.
Und tatsächlich. Das Surren des Pfeiles in der Luft schien seine Wirkung zu tun. Etwas Großes trampelte panisch auf sie zu. Mit einem Salto hechtete sie zur Seite, schoss erneut einen Pfeil genau in dem Moment ab, als der wohl hässlichste, groteskeste Hirsch durch das Gebüsch brach. Lilanes Fell mit grünen Akzenten, ein goldenes Geweih und leuchtend blauen Augen. Augen, die wie kleine Irrlichter strahlten.
»Was bist du?« Elanthia starrte das Tier mit offenem Mund an. Als es zu ihren Füßen  zusammenbrach, verschwamm die Gestalt und veränderte sich. »Beim Licht der Sonne, was habe ich getan?!«, stieß sie entsetzt aus, als sie erkannte, was oder besser wer da vor ihr lag.

Rio de Janeiro, 1967

Eine kleine Gestalt wanderte durch die Schatten, versteckt und vor allen Blicken geschützt. Sie folgte einer Person, einer bestimmten Person. In ihren Händen hielt sie ein Buch umklammert, dick und alt. Der Ledereinband sah schon reichlich abgenutzt aus. Keiner der beiden hatte einen Blick für die Umgebung übrig. Das Viertel Vila Isabel sprühte vor Leben, vor Lust, vor Freude. Es war die Zeit des Jazz Bossa Nova und die Menschen feierten – überall. Auf den Straßen, in den Häusern, auf den Dächern der Stadt. Rio de Janeiro glich einer großen, niemals enden wollenden Party. Die kleine Gestalt in den Schatten verzog das Gesicht. Bis vor einigen wenigen Augenblicken hatte sie auf der Christusstatue auf dem Corcovado gesessen, dem Treiben der Stadt zugesehen und war völlig fasziniert davon gewesen, wie einzigartig und doch gleich alle Menschen waren. Und nun – nun folgte er wieder einmal einem der beiden Gegenspieler, an die er gebunden war. Gebunden, bis beide starben. Doch den Erzählungen der anderen nach dauerte das meist lang, Jahrhunderte lang. Dämonen und Engel starben eben nicht einfach so, sie waren zäh.
Die große Gestalt vor ihm bewegte sich schneller. Er hatte mühe ihr durch die Schatten zu folgen und musste auf die Fähigkeit seines Volkes zurückgreifen, um den Anschluss nicht zu verlieren. Er musste durch die Schatten springen. Am liebsten hätte er laut geflucht, aber selbst das war ihm verboten. Er durfte nur folgen, zuschauen und aufschreiben. Er durfte nicht eingreifen, er durfte nicht Partei ergreifen und er durfte die Menschen nicht schützen. Die Gestalt, der er folgte, eilte an den Favelas vorbei, ließ die Luxuswohnungen hinter sich und eilte direkt an den Strand Ipanemas. Das militärische Fort und die Dois Irmãos ignorierten beide. Die große Gestalt hielt direkt auf einen großen Schatten zu, der am Strand stand und aufs Meer hinaus sah. Er suchte sich schnell einen Platz, von dem aus er alles sehen und genau aufschreiben konnte. Er wusste, was nun kam. Ein kleines Wortgeplänkel und ein recht blutiger Kampf. Es war immer dasselbe.
»Delo, du hast es also doch hergeschafft! Ich bin beeindruckt! Dieses Mal hast du dir ja gar nicht so viel Zeit gelassen wie sonst. Du kommst sogar noch rechtzeitig, um zu sehen, wie all das Leben aus dieser jämmerlichen Kreatur fließt.« Der große Schatten, der aufs Meer geblickt hatte, drehte sich um, während er sprach. Augen glühten rot und bedrohlich in seinem Gesicht, das man nicht deutlich erkennen konnte. Doch er wusste, wer es war. Dandalos, der Dämon an den er gebunden war, Gegenspieler des Engels Delo. Ewig im Kampf um Seelen für ihre beiden Herren und er auf ewig dazu verdammt ihnen zu folgen, bis sie sich schlussendlich beide gegenseitig umbrachten.
»Delo, sieh sie dir an! Erinnert dich das Mädchen nicht an Julia, Cäsars unglückliche Tochter, die du ebenfalls nicht retten konntest? Diese reine Haut – wie feinstes Porzellan und so weich wie Seide. Zu schade, dass sie dieser Welt nicht erhalten bleibt und ihre Seele mir gehört!«
»Dandalos, noch hast du nicht gewonnen! Ich kann sie immer noch retten und das weißt du!« Delo, der mit großen Schritten ins Wasser geeilt war, schien gewillt zu sein, das Leben des jungen Mädchens zu retten. Er breitete seine Flügel aus, spannte sie schützend vor den Körper des Mädchens, während er sie aus dem Wasser hob. Von seinem Platz aus konnte er sehen, wie Blut und Meerwasser von ihrer Haut perlten und langsam mit den Wellen verschmolz. Delo hatte recht gehabt. Ihre Haut war makellos und rein wie Porzellan, doch sie schien mehr tot denn lebendig zu sein. Adern schimmerten bläulich unter ihrer Haut, dunkle Schatten lagen unter ihren Augen, ihre Lippen waren bleich und farblos. Sie hatte wirklich nicht mehr lange auf dieser Erde. Delo musste sich beeilen, wenn er sie retten wollte, doch er war dazu verdammt, nichts zu sagen und nicht einzugreifen. Delo musste von selbst auf die richtige Lösung kommen, obwohl er sie durch all die Jahre und all das Gesehene schon kannte. Wie aufs Stichwort schien Delo zu glühen. Ein warmes, goldenes Schimmern ging von seinen Flügeln aus, während er sacht das Mädchen an den Strand trug und dabei heilte. Auf diesen Moment schien Dandalos nur gewartet zu haben. Delo, Kriegerengel des Michaels, war kein Heiler und der Heilungsprozess forderte seine ganze Aufmerksamkeit und Kraft. In diesen Momenten war er angreifbarer denn je und sie alle drei wussten es. Die kleine Gestalt im Schatten schüttelte den Kopf. Jedes Mal denselben Fehler. Jedes Mal. Es war zum verrückt werden.
Dandalos‘ Augen glühten stärker, Schatten waberten um ihn herum, griffen nach Delos goldenen Flügeln, dem goldenen Schimmern, das von ihm ausging. Sie schlichen sich über ihn, wanderten mit seinen Heilkräften zu dem jungen Mädchen in seinen Armen.
Er schüttelte den Kopf. Delo lernte es nie. Dandalos nutze den Heilungsprozess immer, um mit seinen Schatten die Opfer zu vergiften – und meist waren sie stärker als das Licht, das von Delo ausging. Er brauchte eigentlich nicht weiter zusehen, es war sowieso schon klar, was passieren würde. Die junge Frau würde sterben, es kam zum Kampf, keiner der beiden würde sterben und einer von ihnen – aller Wahrscheinlichkeit nach Dandalos – würde verschwinden und sich ein neues Opfer suchen. Ein Gähnen unterdrückend ließ er dennoch den Stift über das Papier gleiten. Aufgabe war nun mal Aufgabe.
Dandalos‘ Schatten schienen es dieses Mal schwerer zu haben als sonst. Hatte er sich etwa das falsche Opfer ausgesucht? Die kleine Gestalt hob eine Augenbraue und runzelte die Stirn. Konnte es sein, dass der Dämon sich ein getauftes Opfer erwählt hatte? Ein gläubiges Opfer? Mit Absicht? Um das Ganze spannender zu gestalten? Das wäre ja mal etwas Neues. Er beobachtete, wie die Schatten durch die Adern über den Körper des Mädchens wanderten. Sie verlor noch mehr an Farbe, wurde fahler und bleicher. Glich immer mehr dem Tod persönlich denn einer Lebenden. Delo schien davon nichts mitzubekommen, er war viel zu konzentriert auf den Heilungsprozess. In wenigen Augenblicken würden die Schatten das Herz und somit ihr Ziel erreicht haben. Delos Anstrengung würde völlig umsonst gewesen sein. Dann würde ihm nichts anderes übrig bleiben, als um die Seele zu kämpfen, wenn er schon das Gefecht um ihr Leben verloren hatte.
»Kleiner, naiver Engel. So jung, so hoffnungsvoll. Hast du nach all den Jahren immer noch nicht begriffen, wie meine Kraft wirkt?« Dandalos kicherte. Seine Schatten hatten das Herz des Mädchens ergriffen, das Leben aus ihr herausgepresst. Tot lag sie in den Armen Delos, ohne begriffen zu haben, was mit ihr geschah. Dandalos war ein Meister, wenn es darum ging, leise und völlig überraschend zu töten. Die meisten seiner Opfer fühlten nichts – ihm ging es um die Qualen ihrer verzweifelten himmlischen Retter, wenn sie merkten, dass alles umsonst gewesen war. Sein Stift flog förmlich über das Papier, er musste sich anstrengen, um mitzukommen, um den Anschluss nicht zu verlieren. Delo keuchte. Er fiel auf die Knie, das Mädchen immer noch im Arm. Eine einzelne, goldene Träne rann über seine Wange, als er begriff, dass er verloren hatte. Schatten huschten an ihm vorbei, etwas Weißes, Leuchtendes in ihrer Mitte. Ihre Seele. Das goldene Schimmern wandelte sich zu einem Leuchten, als er den Leichnam sacht in den Sand legte und sich erhob. Zwei lange Einhandschwerter mit glühenden Runen erschienen in seinen Händen. Seine goldenen Augen leuchteten unheilvoll. Sein weißer Anzug war verschwunden und stattdessen kleidete ihn eine goldene Rüstung. Delo würde kämpfen. Er würde um die Seele des Mädchens kämpfen. Dandalos, nach wie vor in der Dunkelheit verborgen, so dass nur seine rotglühenden Augen zu sehen waren, schnippte nachlässig und die Seele des Mädchens wandelte sich in einen leuchtenden Kristall. Er warf ihn ihm zu. Direkt auf die frisch geschriebenen Worte. Die kleine Gestalt seufzte, hob das Buch an, so dass der Seelenkristall in den Sand fiel. Er durfte ihn nicht hüten. Er durfte ihn nicht anfassen. Er durfte nichts tun außer Schreiben, Beobachten, Folgen.
»Ah, unser kleiner Freund will wieder einmal nicht mitspielen. Wie bedauerlich!«, schnurrte Dandalos. Die Schatten um ihn herum verdichteten sich. Schienen mit ihm zu verschmelzen. Delo hob seine beiden Schwerter und stürmte auf den Dämon zu. Der erste Hieb verschwand in tiefster Dunkelheit. Schatten griffen nach den Flügeln des Engels, zogen, zerrten. Delo ignorierte sie. Er hieb verbissen nach Dandalos, der in der Dunkelheit, die unheilvoll über den Sand wabberte, nicht mehr zu erkennen war. Die Schatten griffen wie Krallen nach dem Engel, drängten sich gegen das goldene Leuchten, zuckten immer wieder zurück, sobald sie es berührten. Dennoch schienen sie nicht aufgeben zu wollen. Sie wollten den Engel verletzen, wollten ihn zu Boden ringen. Delo verstärkte seine leuchtende Aura. Der Sand zu seinen Füßen glühte und schmolz zu Glas. Bei jedem Schritt, bei jedem Hieb wirbelten Sandkörner und kleine Glassplitter auf, die glitzernd durch die Luft stoben. Die kleine Gestalt seufzte. Zu oft hatte er das schon gesehen.
Blut spritzte auf seine Seiten. Verärgert tupfte er die Spritzer mit dem Finger trocken, um das Schlimmste zu verhindern. Das nächste Mal würde er sich wieder einen Platz außerhalb ihrer Reichweite suchen müssen und hoffen, dass er trotz der speziellen Umstände nichts verpasste. Den anderen seines Volkes war es gleichgültig, wie ihre Texte aussahen, ihm hingegen ging es um Perfektion. Das Einzige, das er selbst beeinflussen konnte. Plötzlich stutzte er. Blut? Er hob den Kopf. Delo hatte Dandalos getroffen. Der Sand war blutgetränkt, eines der Schwerter glitzerte rötlich. Die Schatten, die nach Delo griffen, schienen nun aggressiver vorzugehen. Mit einer Art rasender Wut schnitten sie die goldenen Flügel auf, wetzen ihre nicht greifbaren und dennoch materialisierten Krallen an der glänzenden Rüstung des Engels. Zogen an seinen Haaren, fuhren mit tiefen Kratzern über seine Haut. Delo schien sich nicht darum zu kümmern. Angetrieben von dem Triumph, den Dämon erwischt zu haben, hieb er kraftvoll und unbeirrt auf die wabbernde Dunkelheit ein, in deren Mitte immer wieder unheilvoll leuchtende rote Augen erschienen. Blut spritze immer wieder aus den wabbernden Schatten, in die sich Dandalos gehüllt hatte, auf den Sand, während kleine Rinnsäle des Lebenssaftes über Delos Haut wanderten. Am Horizont ging langsam die Sonne auf, tauschte das Schauspiel in ein makaberes Licht und verhalf Delo unabsichtlich zu einem entscheidenden Vorteil. Dem Schutz der Dunkelheit beraubt, war Dandalos angreifbarer, seine Schattengestalt deutlicher auszumachen. Auf dem Gesicht des Engels erschien ein breites, triumphales Grinsen. Er setzte zu einem entschiedenen Hieb an, um dem Dämon den Kopf abzuschlagen, als dieser mit einem tiefen Knurren und den Worten »Es ist noch nicht vorbei!« mit dem Wind verschwand. Delos Hieb ging ins Leere.
»Immerhin gehört mir ihre Seele.« Mit Bedauern ließ Delo seine Schwerter verschwinden und atmete tief durch. Er faltete seine Flügel auf seinem Rücken, leuchtete ein letztes Mal strahlend hell, bevor er wieder in seinem tadellos sitzenden schwarzen Anzug gekleidet war. Mit wenigen Schritten war er am Leichnam des Mädchens angekommen, berührte sie sacht. »Deine Seele ist in Sicherheit. Nichts wird dir mehr schaden können.« Schon bald würden sie den toten Körper finden, ohne Wunden, ohne Kampfspuren. Sie würden einen Herzstillstand vermuten und wie immer ahnungslos bleiben. Wie schon all die Jahrhunderte zuvor würden die Menschen nicht ahnen, welch perfides Spiel um ihre unsterblichen Seelen getrieben wurde. Sein Blick begegnete dem des Engels, als dieser zu ihm trat und den Seelenkristall aufhob.
»Wir sehen uns sicher bald wieder, kleiner Schreiberling«, murmelte Delo und neigte den Kopf zum Abschied, bevor er in einer Art Stichflamme verschwand. Die kleine Gestalt verzog das Gesicht. Schreiberling – wie er diese Bezeichnung hasste. Er war ein Chronist! Er war ein Chronist aus dem einzigen Volk, das fähig war, Dämonen und Engeln zu widerstehen und sich nicht von ihrer Macht blenden zu lassen. Chronist und kein Schreiberling! Mit einem Grunzen schlug er das Buch zu und schloss die Augen. Er spürte, wie ihn etwas rief. Ein erneutes Ereignis. Sie gönnten ihm und sich selbst nicht einen einzigen Augenblick Ruhe. Seufzend zog er sich weiter in die Schatten zurück und sprang mit ihrer Hilfe zu dem Ort der nächsten Begegnung.