Es war einmal …

16. Oktober 2016

»…vor langer, langer Zeit in einem nicht allzu entfernten Land, da gab es sich – BLÖDSINN!« Sie schlug das Buch zu und schleuderte es in eine Ecke. »Es war einmal am Arsch!« Wütend verschränkte sie die Arme und setzte sich auf ihr Bett. Elanthia bedachte das Märchenbuch mit einem bösen Blick. All die Geschichten waren genau das. Geschichten. Als kleines Mädchen hatte sie sie geliebt, hatte sich immer gewünscht, eines Tages selbst eines zu erleben. Ein Abenteuer. Magisch, fantastisch, weit weg von zuhause.
Zuhause. Seit ihre Eltern nicht mehr lebten und ihre Großmutter sich immer mehr an die Vergangenheit klammerte, war sie am liebsten alleine durch die Wälder gestreift. In der Natur war sie frei und musste sich nicht irrwitzigen Anforderungen stellen. Es mochte ja sein, dass ihre Mutter eine großartige Kriegerin gewesen war oder ihr Vater ein Meisterspion im Auftrag des Königs, aber sie war es nicht. Sie war einfach nur ein gewöhnliches Mädchen mit einer großen Faszination für die Natur. Nur konnte das ihre Großmutter offensichtlich nicht akzeptieren.
»Elanthia!«
Sie zuckte zusammen, als die Stimme ihrer Großmutter durch das kleine Häuschen hallte. Die alte Dame war nicht mehr in der Lage, alleine für den Unterhalt für sie beide aufzukommen, daher musste sie langsam auch helfen, das war ihr bewusst. Doch genau deswegen stritten sie sich ständig. Während ihre Großmutter sie unbedingt unter den Krieger-Novizen sehen wollte, war sie mehr an der Gemeinschaft der Jäger interessiert. Heimlich hatte sie sich auch Pfeil und Bogen geschnitzt und gebastelt – und verbotenerweise immer wieder benutzt.
»ELANTHIA!«
»Ich komm ja schon!«, schrie sie zurück. Elanthia seufzte, band die Haare zu einem Zopf zusammen, bevor sie die wenigen Stufen hinuntersprang. Zu ihrem Glück war ihre Großmutter nicht mehr in der Lage, ohne Probleme Treppen zu steigen und hatte ihr so das runde Zimmer überlassen. Das wenige, was sie an Privatsphäre hatte, war ihr heilig und dennoch würde sie sie jederzeit gegen ihre Freiheit eintauschen. Eine Freiheit, die es ihr ermöglichte, zu tun, was immer sie wollte.
»ELANTHIA!«
Sie ballte die Hände zu Fäuste. Die Frau trieb sie in den Wahnsinn!
»Großmutter, beruhige dich. Ich bin doch schon auf dem Weg, ich kann mich einfach nur nicht teleportieren.« Elanthia blieb einen Moment kurz stehen und schloss gequält die Augen. »Tut mir ja leid, dass ich nur ich bin und nicht was so besonderes wie meine Mutter es gewesen war!«
»Was hast du gesagt?«, keifte ihre Großmutter.
»Nichts!«, schrie sie zurück, obwohl sie mittlerweile längst im zweiten Raum des kleinen Häuschens stand. Das Zimmer war größer als ihres, umfasste Küche, Schlafzimmer ihrer Großmutter und Wohnzimmer in einem, und war mit  Erinnerungsstücken an ihre Mutter vollgestopft. Es glich mehr einem Schrein als einem Wohnraum. Und sie hasste es.
»Elanthia, du kannst mich doch nicht immer so warten lassen! Deine Mutter war nie so rücksichtslos. Dieses Verhalten musst du wohl von deinem Vater geerbt haben.«
Elanthia verkniff sich einen Kommentar und setzte sich an den kleinen, abgenutzten Tisch. Ihre Großmutter stellte ihr wortlos etwas zu essen hin und musterte sie kritisch. Erfahrung und besseres Wissen ließen Elanthia den Blick senken und ihren Teller anstarren. »Weißt du, ich habe alles getan, damit es dir gut geht. Fünfzehn Jahre lang habe ich alles für dich getan und du dankst es mir immer wieder mit Trotz. Ach, Kindchen, ich bin wirklich froh, dass du heute deine Ausbildung beginnst und etwas Geld nach Hause bringst. Deine Mutter war …«
»… eine außergewöhnliche Kriegerin und eine total tolle, wohl erzogene Frau, ja, ich weiß. Sie hätte einen König heiraten können und hat sich für einen Versager wie meinen Vater entschieden. Danke, ich kenne die Geschichte.« Elanthia schob den Teller zur Seite und stand auf. »Ich gehe jetzt besser, bevor ich zu spät komme. Danke, Großmutter, für das Frühstück. Bis heute Abend.«
»Du hast doch gar nichts gegessen!«, war das letzte, was sie hörte, bevor sie das kleine Häuschen verließ. Sie wusste, es war unfair ihrer Großmutter gegenüber und auch ein wenig undankbar, aber sie ertrug die Vorwürfe nicht länger. Ein Blick gen Himmel verriet ihr, dass sie noch genug Zeit hatte, um ihren Bogen und den Köcher aus dem Versteck zu holen. Sie würde sich nicht den Kriegern anschließen, wie ihre Großmutter es immer geplant hatte. Sie würde sich bei den Jägern melden.

Oder auch nicht, wenn sie sich ansah, was sich alles bei den Jägern meldete. Elanthia umklammerte ihren Bogen, ihr Herz schlug wild in ihrer Brust. In mitten all der großen Männer fühlte sie sich klein, nahezu unbedeutend. Doch gleichzeitig weckte es ihren Ehrgeiz. Sie würde es ihnen allen zeigen. Sie würde sich einen Platz unter den Jägern erkämpfen und eine von ihnen werden.
Wenn man sie ließ.
»Wer bist du denn?« Elanthia hob den Kopf, musste ihren Hals recken, um demjenigen ins Gesicht zu blicken, der sie angesprochen hatte. Es war der oberste königliche Jäger. Nicht der Jägerhauptmann des Dorfes, sondern direkt aus dem Palast, wie sie an seinem Abzeichen an der Brust erkennen konnte. »Na? Hat es dir die Sprache verschlagen? Kannst du überhaupt sprechen?«
»Ja!« Es klang trotziger als beabsichtigt. »Ich bin Elanthia.« Sie würde nicht den Namen ihrer Großmutter oder ihrer Mutter nennen. Sie wollte nicht nach Hause oder zu den Kriegern geschickt werden.
»Du siehst nicht aus, als könntest du die Ausbildung bewältigen.« Der oberste Jäger musterte sie. Sie sah, wie sein Blick zu ihrem Bogen glitt und konnte sich das herausfordernde Lächeln nicht verkneifen. ja, sie wusste, man sah, dass er selbst gemacht war, aber sie wusste auch, dass man erkennen konnte, dass es gute Arbeit war. »Hast du diesen Bogen angefertigt?«, wollte er wissen. Sie nickte und streifte ihn ab. Mit zitternden Händen reichte sie ihm in. »Das sieht nach guter Arbeit aus«, murmelte er, während seine langen Finger über das Holz glitten. »Saubere Handarbeit, das muss man sagen. Funktioniert er auch?«
»Einwandfrei, Sir«, mischte sich eine ihr nur allzu bekannte Stimme ein. Der Jägerhauptmann des Dorfes war neben ihr erschienen. Elanthia verzog das Gesicht. Das würde sicher nicht gut für sie ausgehen. »Ich habe oft gesehen, wie sie damit geschossen hat – besser als jeder meiner Adepten. Sie hat nie verfehlt und was sie alles erlegt hat, war meisterlich geschossen. Sie hat Talent, auch wenn ihre Großmutter das anders sieht.«
»Sie hat also königliches Wild ohne Erlaubnis geschossen?«
Elanthia zog bei dieser Frage den Kopf ein. Das hatte sie wirklich. Allerdings hatte sie ihre Beute immer vor der Jagdhütte abgelegt, so dass sie niemals Ärger bekommen hatte oder erwischt worden war. Dachte sie zumindest.
»Ja, aber sie hat nichts davon behalten, sondern immer dafür gesorgt, dass wir es als die unsrige Beute ausgeben konnten. Der Palast hat seit Monaten von ihr geschossenes Wild genossen.« Elanthia glaubte, ihren Ohren nicht richtig zu trauen. Nahm der Jägerhauptmann sie etwa in Schutz?
»Dann sollte sie an der Prüfung teilnehmen.« Der oberste Jäger richtete seine Aufmerksamkeit wieder auf sie. »Du hast drei Stunden Zeit, einen Hirsch in den königlichen Wäldern zu erlegen. Schaffst du es nicht, ist es dir nicht möglich, sich den Jägern anzuschließen. Es ist  nicht wichtig, wie groß oder schwer der Hirsch ist. Wichtig ist, dass du einen erlegst. Hast du mich verstanden?«
Sie nickte.
»Einen Bogen hast du ja. Nimm dir ein paar Pfeile und lass mich sehen, ob du wirklich ein so großes Talent besitzt, dass sich Yolantos für dich eingesetzt hat.«
Yolantos. So also hieß der Jägerhautpmann. Elanthia nickte und eilte hinüber zu dem Tisch, auf dem eine große Menge Pfeile bereitlagen. Die königlichen Diener ließen sie gewähren, auch wenn sie an ihren Gesichtern erkennen konnte, dass es ihnen widerstrebte. Am liebsten hätte sie ihnen die Zunge entgegengestreckt. Doch dafür blieb ihr keine Zeit. Aufgeregt eilte sie in den Wald, nachdem sie sich mit Pfeilen versorgt hatte.

Der Wald erschien ihr mit einem Mal anders als sonst. Er wirkte bedrohlich, beinahe schon abwehrend. So als wolle er nicht, dass sich mehrere Jäger durch ihn hindurch schlichen und seine Bewohner jagten. Elanthia legte eine Hand auf den Stamm einer besonders großen Eiche und murmelte eine Entschuldigung. Sie wusste nicht, warum sie das tat, aber es fühlte sich richtig an. Und es schien, als wäre der Wald damit etwas besänftigter, denn plötzlich schien er heller und klarer zu sein.
wobei sie sich das sicher nur einbildete.
Ehrgeiz packte sie und sie beschleunigte ihre Schritte. Elanthia suchte ihre Umgebung nach Spuren ab, einem Hinweis, irgendetwas, als ein lautes Rascheln sie aufschreckte. Es war zu laut, als dass es ein Kaninchen gewesen sein könnte. Vielleicht würde sich der königliche Jäger auch mit einem Wildschwein zufrieden geben. Ohne groß darüber nachzudenken, schoss sie einen Pfeil ab, genau in die Richtung, aus der das Rascheln gekommen war. Das würde das Tier aufschrecken und vielleicht sogar in in ihre Richtung treiben.
Und tatsächlich. Das Surren des Pfeiles in der Luft schien seine Wirkung zu tun. Etwas Großes trampelte panisch auf sie zu. Mit einem Salto hechtete sie zur Seite, schoss erneut einen Pfeil genau in dem Moment ab, als der wohl hässlichste, groteskeste Hirsch durch das Gebüsch brach. Lilanes Fell mit grünen Akzenten, ein goldenes Geweih und leuchtend blauen Augen. Augen, die wie kleine Irrlichter strahlten.
»Was bist du?« Elanthia starrte das Tier mit offenem Mund an. Als es zu ihren Füßen  zusammenbrach, verschwamm die Gestalt und veränderte sich. »Beim Licht der Sonne, was habe ich getan?!«, stieß sie entsetzt aus, als sie erkannte, was oder besser wer da vor ihr lag.