Rio de Janeiro, 1967
Uncategorized / 13. Oktober 2016

Eine kleine Gestalt wanderte durch die Schatten, versteckt und vor allen Blicken geschützt. Sie folgte einer Person, einer bestimmten Person. In ihren Händen hielt sie ein Buch umklammert, dick und alt. Der Ledereinband sah schon reichlich abgenutzt aus. Keiner der beiden hatte einen Blick für die Umgebung übrig. Das Viertel Vila Isabel sprühte vor Leben, vor Lust, vor Freude. Es war die Zeit des Jazz Bossa Nova und die Menschen feierten – überall. Auf den Straßen, in den Häusern, auf den Dächern der Stadt. Rio de Janeiro glich einer großen, niemals enden wollenden Party. Die kleine Gestalt in den Schatten verzog das Gesicht. Bis vor einigen wenigen Augenblicken hatte sie auf der Christusstatue auf dem Corcovado gesessen, dem Treiben der Stadt zugesehen und war völlig fasziniert davon gewesen, wie einzigartig und doch gleich alle Menschen waren. Und nun – nun folgte er wieder einmal einem der beiden Gegenspieler, an die er gebunden war. Gebunden, bis beide starben. Doch den Erzählungen der anderen nach dauerte das meist lang, Jahrhunderte lang. Dämonen und Engel starben eben nicht einfach so, sie waren zäh. Die große Gestalt vor ihm bewegte sich schneller. Er hatte mühe ihr durch die Schatten zu folgen und musste auf…

Isabelle
Stuttgart '21 / 13. Oktober 2016

»Du hast gesagt, in Stuttgart hat es angefangen?«, fragte Isabelle. Sonja nickte. Alex war ihr über den Rückspiegel hinweg einen seltsamen Blick zu. Isabelle biss sich auf die Unterlippe. Ihr Mann wollte heute nach Vaihingen. Vielleicht hatte Nadja ihn aber doch dazu überreden können, mit ihr im botanischen Garten zu picknicken. Zumindest hoffe Isabelle, nach allem, was im Pub geschehen war, dass ihre kleine Tochter erfolgreich gewesen war. Falls nicht, würde ihr keine andere Wahl bleiben, als … »Dann sollten wir nach Stuttgart gehen. Irgendwie. Und die Wahrheit ans Licht bringen.« Und mir die Möglichkeit geben, nach meiner Familie zu schauen. »Du meinst, wir brechen in das Labor ein und besorgen die Forschungsunterlagen?« Sonja klang skeptisch und Isabelle konnte mühelos heraushören, dass ihr dieser Gedanke nicht gefiel. »Eigentlich keine schlechte Idee. Aber wie sollen wir da reinkommen? Wie sollen wir das Labor überhaupt finden?« Isabelle unterdrückte ein genervtes Stöhnen. Es war nur natürlich, dass Sonja ihren Vorschlag hinterfragte, sie selbst würde ja nicht anders handeln, aber sie hatte jetzt bei Weitem andere Sorgen, als gegen Sonjas Skepsis anzukämpfen. Doch sie würde anders nicht weiterkommen. Fieberhaft überlegte sie sich eine Antwort, als sie unerwartete Hilfe bekam. »Das sollte kein Problem sein«,…